Glücksmomente – Geschichten vom Lebensende
Gastbeitrag von Astrid Steinmetz | Musiktherapeutin, Sozialpädagogin
Es begann vor vier Jahren auf der Rückfahrt aus dem Hospiz. Eine besondere Begegnung mit einem Patienten ließ mich nicht los. Ich habe über 2.000 Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet, so viele besondere Momente erlebt, und doch sind die meisten davon in der Fülle der Jahre verloren gegangen. Daher fing ich an zu schreiben. Im Zug entstand die erste Geschichte, und in den Wochen danach folgten weitere, zwei, manchmal drei pro Woche. Was sie miteinander verband, war dieses Aufleuchten, das ich aus meiner Arbeit kannte: ein Wendepunkt, ein unerwarteter Moment, etwas, das sich dem Bild widersetzt, das wir vom Lebensende haben.
Als ich die ersten Texte Freunden vorlas, waren die Reaktionen sehr unmittelbar. Sie waren tief berührt und ermutigten mich, diese Geschichten nicht für mich zu behalten, sondern sie weiterzugeben. So entstand zuerst eine Geschichtensammlung und wurde dann zum Buch „Glücksmomente – Geschichten vom Lebensende”: 71 kurze, verdichtete Geschichten aus 27 Jahren Hospizarbeit. Dass sich damit auch der Kreis meiner Tätigkeit im Hospiz schließen würde, war im Verlauf nicht abzusehen, sehe ich jetzt aber als glückliche Fügung. Es ist mein Geschenk, das ich hinterlassen werde.
Was mir in meiner Arbeit begegnet
In meiner Arbeit begegne ich Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen, alle verbunden durch Krankheit und das Wissen um das nahende Lebensende. Manche laufen noch über den Flur oder machen Ausflüge, andere liegen seit Monaten im Bett. Einige sprechen viel, andere finden keine Worte mehr.
Ich arbeite auf verschiedenen Ebenen.
Im Gespräch geht es darum, wiederzufinden, was trägt: was Kraft gibt, was wirklich wichtig ist, was wahrhaftig ist. Wir sprechen über das, was im Inneren kreist, und erleben, wie neue Impulse befreiend wirken.
Ein Klangraum, den ich besonders gerne mit meiner Stimme gestalte, kann tragen, berühren, beruhigen oder ein neues Erleben schenken, so dass ein Mensch bei sich ankommen und zur Ruhe finden kann.
Und dann gibt es die Momente, in denen Worte nicht mehr möglich sind. Dann baue ich die Verbindung anders auf – ich schaffe körpersprachliche Verbundenheit: über Blicke, eine gemeinsame Geste, ein geteiltes Gefühl. Manchmal ist es etwas ganz Schlichtes, wie zusammen die vorbeiziehenden Wolken zu betrachten.
Was mich immer wieder beeindruckt
Was mich in diesen Jahren immer wieder bewegt, sind nicht in erster Linie die Abschiede, sondern was sich Unerwartetes auftut, wenn ich mich ganz auf einen Menschen einlasse. Natürlich sind manchmal starke Gefühle im Raum – Trauer, Angst, Verzweiflung, aber nicht nur. Ich erlebe hier auch eine Form von Freude, die ich so kaum anderswo kenne. Eine Freude, die nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern aus dem Dasein selbst kommt.
Da war diese Frau, die nach drei Monaten im Bett noch einmal mit ihren Kindern auf einer Parkbank in der Sonne sitzen konnte. Das Strahlen in ihrem Gesicht danach hielt lange an. Sie selbst verglich diesen Moment mit dem Augenblick, in dem sie ihren erstgeborenen Sohn in den Armen hielt.
Die Angehörigen einer anderen Frau formulierten die innere Bewegung, die am Lebensende entstehen kann, so: „Unsere Mutter hat in den letzten Wochen Dinge ausgesprochen, die zuvor nie zwischen uns gesagt worden waren.“ Worte der Liebe, der Wertschätzung, des Bedauerns. Das, was lange unausgesprochen geblieben war, fand nun seinen Platz – und sie konnte erfüllt und mit sich im Reinen gehen.
Ein Buch der Resonanz
Die Geschichten in diesem Buch sind kurz und konzentriert. Deshalb wurde mir früh klar, dass ich sie nicht einfach hintereinander reihen kann. Sie müssen im Lesenden atmen können. So habe ich nach verschiedenen Resonanzräumen gesucht und diese entwickelt.
Musik, die aus gemeinsamer Improvisation mit befreundeten Musikern entstanden ist, über QR-Codes hörbar wird und an die Klänge aus der Musiktherapie erinnert. Bilder aus der Kunsttherapie im Wannsee-Hospiz, die zeigen, wie auch am Lebensende der Künstler in einem Menschen aufblühen kann – ein Künstler, der in uns allen zu schlummern scheint. Und Reflexionsfragen, die dazu einladen, bei dem zu verweilen, was eine Geschichte ausgelöst hat – im eigenen Leben weiterzudenken, oder auch in der Begleitung anderer.
Was ich gelernt habe
Der Titel „Glücksmomente” ist für mich wie ein Schlüsselwort. Denn er drückt aus, was mir an wundersamen Erlebnissen in all den Jahren immer wieder begegnet ist – diese unerwartete Lebendigkeit und Intensität des Daseins am Lebensende.
Diese Zeit ist nicht nur geprägt von Abschied und Trauer. Sie kann auch eine Zeit sein, in der sich etwas klärt, in der Menschen über sich hinauswachsen, einen Richtungswechsel vollziehen, Würde verkörpern und Nähe entsteht.
In meiner Arbeit geht es darum, dafür Raum zu schaffen. Das zum Aufblühen zu bringen, was in jedem Menschen als Möglichkeit schlummert – damit er erfüllt und mit sich im Reinen dieses Leben hinter sich lassen kann.
Diese 27 Jahre haben mich gelehrt, was wirklich zählt, wenn man das Leben vom Ende her betrachtet. Die Menschen, die ich begleiten durfte, waren und sind meine wichtigsten Lehrer. Ohne sie, ihre inneren und äußeren Kämpfe, ihren jeweils so einzigartigen Weg, hätte ich dieses Buch nicht schreiben können.
Ihnen ist es von ganzem Herzen gewidmet.



