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Hospitation im Hospiz: Gänsehautmomente und ein großartiges Team

Mein erster Spätdienst als Hospitantin im Pflegeteam des Ricam Hospizes war kein wirklich großer Schritt für die Menschheit, aber ein äußerst wichtiger Tag für mich. Als neue Geschäftsführerin der Ricam Hospiz gGmbH möchte ich die Sprache der Kolleg*innen verstehen, ihre täglichen Wege kennenlernen, Arbeitsweisen erkennen. Ich möchte wissen, was sie tun und was sie bewegt. Deshalb habe ich mir vorgenommen, alle Bereiche unseres Hospizes kennenzulernen. Dieses Ziel erreiche ich am besten mit einer Hospitation im Hospiz. Ich arbeite tageweise dort mit, wo ich als „Büromensch“ normalerweise nicht tätig bin.

Hospitation im Hospiz: Abschied nehmen im Hospiz

Erste Etappe meiner Hospitation im Hospiz: Spätdienst in der Pflege

Der Spätdienst begann viertel nach zwei Uhr nachmittags mit einer kleinen „Übergabe“. Das Team der jeweiligen Bereiche übergab Informationen zu pflegerisch- und medizinisch wichtigen Handlungen vom Frühdienst an den Spätdienst. So erhielt ich einen Überblick über die Menschen, denen ich in den Hospizzimmern begegnen würde, und konnte gemeinsam mit Krankenschwester Andrea, die mich unter ihre Fittiche nahm, den Dienst planen.

Anschließend traf sich das Pflegeteam beider Schichten zur Verabschiedung einer verstorbenen Patientin. Ich kann kaum in Worte fassen, was mich in diesen Momenten bewegte. Eine solch‘ liebevolle und wertschätzende Rückschau auf eine Frau, die mein Team einige Zeit pflegen durften, hatte ich nicht erwartet. Ich war tief berührt darüber, dass meine Kolleginnen und Kollegen, die schon lange im Palliativbereich arbeiten, ihre Empathie nicht verlieren. Diese liebevolle und warmherzige Betrachtung zu erleben, bedeutete mir sehr viel. Ich empfand Rührung und Dankbarkeit und Gänsehautmomente.

Der weitere Dienst war ausgefüllt mit Unterstützung bei der Körperpflege und Lagerung im Bett, Hilfe beim Essen anreichen und Medikamente verabreichen.
Im Spätdienst durfte ich mich von einer anderen Seite erleben. Im Umgang mit sterbenskranken Menschen hieß das, sich zurückzunehmen, ruhig und geduldig, manchmal abwartend zu sein. Alles Eigenschaften, die mir sonst nicht unbedingt zugeschrieben werden. So habe ich oft nur beobachtend dabei gestanden oder ganz ruhig am Bett gesessen und eine Hand gehalten.
Das war mein Einstieg in meine Hospitation im Hospiz. Ich bewegte mich komplett auf ungewohntem Terrain. Es kamen Dinge zur Sprache, die normalerweise für uns alle höchst intim und privat sind. So spreche ich eigentlich nicht über Katheter, Stuhlgang oder Einläufe, aber hier im Kontext war es normal und nicht fremd, weil es am Ende immer darum geht, dass Menschen sich wohlfühlen und Grundbedürfnisse abgedeckt sind.
Kurz nach dem Abendessen fragte mich Schwester Andrea, ob ich denn auch ein Schlaf- oder Abendlied für die schwerstkranken Menschen mit ihr singe, für die wir im Spätdienst verantwortlich waren. Ich erfuhr, dass dieses Ritual ihre ganz persönliche Handschrift ist. Wie sie dazu kam, Abendlieder im Hospiz zu singen, dazu schreibt Schwester Andrea selbst. Jeder in unserem Team ist anders, bringt immer auch seine Persönlichkeit ein. Und Schwester Andrea singt nun einmal unter anderem Abendlieder. Oha – eine Herausforderung. Ich „durfte“ entscheiden, und es wurde „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen“, das Schlaflied, das ich meinem Sohn immer vorgesungen habe.

Hospitation im Hospiz mit Schwester Andrea

Damit ging ein sehr bewegender Tag mit der Übergabe an den Nachtdienst und der Reflektion meines Spätdienstes für mich zu Ende. Müde und erschöpft und doch mit großer Zufriedenheit und gut gelaunt kehrte ich heim. Ich hatte viel gelernt, meine gedachten Grenzen überschritten und „mein“ Ricam Hospiz wieder einmal anders und neu erlebt.

Zweite Etappe meiner Hospitation im Hospiz: Frühdienst in der Pflege

Einige Tage später klingelte der Wecker sehr früh, denn begann um 7:00 Uhr mit dem Frühdienst. Nun nicht mehr ganz so ängstlich, aber immer noch aufgeregt. Ich begegnete den gleichen Menschen in den Hospizzimmern, das machte es einfacher. Sie kannten mich bereits und ich sie.
Im Frühdienst gab es ähnliche Abläufe aber auch Pflegehandlungen wie “Haare waschen im Bett”. Noch nie gesehenes Zubehör machte mich etwas ratlos. Eine aufblasbare Waschschüssel war dabei, natürlich auch eine Luftpumpe. Ich erhielt von Schwester Karen eine wunderbare Fortbildung und genaue Erläuterung und alles lief reibungslos. Die Patientin war danach glücklich und zufrieden, und die Hospitantin hatte etwas dazugelernt.
(Ohne mobile Waschschüssel ist es auch möglich, wie manche Angehörige zeigen, aber sicher schwieriger.

Mein Zwischenfazit zum Projekt: „Hospitation im Hospiz“:
Ich verstehe nun mehr, was meine Kolleg*innen in der Pflege in ihrer täglichen Arbeit bewegt. Ich weiß, warum ich stolz auf sie und ihre Arbeit bin und kann diesen Stolz noch mehr nach außen tragen. Sie selber tun das nämlich viel zu wenig. Ich achte, wie sie mit täglichen Überschreitungen von Grenzen, von Barrieren umgehen. Dass sie bei all den Dingen, die sie tun, nie Respekt, Achtung und Würde der Menschen verlieren, die sich uns anvertrauen. Sie sind viel mehr als Pflegekräfte. Sie sind die Mitgestalter des oft letzten Zuhauses – und das machen sie großartig.

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