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Baustein und Kekse

Heinz Mende (75), Mitglied im Freundeskreis, spricht offen über seine Verlusterfahrung und wie er damit weiterlebt

Heinz, du bist schon eine Weile bekannt im Ricam Hospiz. Erinnerst du dich, wie das kam?
Da war letztes Jahr diese Veranstaltung zum 20-jährigen Jubiläum des Ricam Hospizes im Heimathafen Neukölln. Und da war ich dabei!! Du doch auch, oder?

Ja, und da hattest du einen zwar ungeplanten aber beeindruckenden Auftritt…
Ja, es gab verschiedene Gesprächsrunden, die Hauptamtlichen, die Ehrenamtlichen – immer wieder kamen andere Leute auf die Bühne und haben von 20 Jahren Ricam Hospiz erzählt. Und da hab ich gedacht, es müsste doch unbedingt auch einer was sagen, für den das Ricam Hospiz eine ganz persönliche Bedeutung hat. Und so bin ich als trauernder Angehöriger – meine Frau war ja erst im April gestorben – auf die Bühne gegangen.

Das heißt, du hast selbst die Öffentlichkeit gesucht und dich getraut, vor einem vollen Saal von dir und deiner Frau zu sprechen.
Ja, das war mir wichtig. Und du wirst damals schon bemerkt haben – und so geht es mir heute immer noch – dass ich wirklich ein Bedürfnis habe, das weiter nach außen zu tragen, weil ich immer noch der Überzeugung bin: so etwas Schönes wie das Ricam Hospiz hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt.

Was war das Schöne für dich?
Ich wusste bis zu dieser Zeit, in der meine Frau schwer erkrankte, noch nichts vom Hospiz und etwas damit anzufangen. Aber als ich das erste Mal dort war, wusste ich: Hier bist du gut aufgehoben. Du bist kein Außenstehender. Jede Frage, die meine Frau und ich hatten, ist ohne Wenn und Aber beantwortet worden. Das hatte ich vorher anders erlebt, als ich meine Frau zu Hause pflegte. In dieser Zeit war ich oft verzweifelt. Hier im Ricam Hospiz fühlte ich mich verstanden, alle waren lieb und nett und hörten zu – immer. Ich hab also ganz schnell Vertrauen zu allen gewonnen. Das tat mir gut.

Wie hast Du überhaupt vom Ricam Hospiz erfahren? Hat euch die Ärztin dazu geraten?
Nein, meine Frau wollte das. Als feststand, sie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, sagte sie zu mir: »Heinz, wenn du es nicht mehr schaffst, mich zu pflegen, bring mich ins Hospiz.«

Habt ihr denn über ihren Tod gesprochen?
Wer redet schon gerne über den Tod. Ich vermute – aber das jetzt erst im Nachhinein – dass meine Frau mich nicht unnötig vorher damit belästigen oder behelligen wollte. Obwohl die Ärztin 6 Monate als Prognose angegeben hat, waren es ab der Diagnosestellung nur noch zwei Monate, die wir gemeinsam hatten. Die letzten drei Wochen hat sie im Ricam Hospiz gelegen.

Wie ist sie gestorben?
Eigentlich wollte ich dabei sein, wenn meine Frau für immer einschläft, doch diese Bürde hat meine Frau mir nicht auferlegt. Sie hat offenbar gewartet, bis ich nach Hause gefahren bin. Und dann schlief sie ein. Gemeinsam mit der Familie haben wir uns dann von ihr verabschiedet. Das war sehr schön. Vor der Zimmertür im Hospiz brannte eine Kerze.

Und seit dieser Zeit bist Du dem Ricam Hospiz sehr verbunden…
Ja, das war eine schwere Zeit, in der ich aber nicht allein war, und das versuche ich jetzt immer wieder zurückzugeben.
Ich hab selbst schon zur Trauerfeier meiner Frau auf die Trauerkarte geschrieben ‹von Blumenspenden bitte ich Abstand zu nehmen. Ich stelle eine Spendenbüchse auf für das Ricam Hospiz.› Als ich dann das Geld gezählt habe, sind immerhin 500 Euro zusammengekommen. Und davon hab ich dann einen Baustein für den Bau des Tageshospizes gespendet.

Und nun bist du Fördermitglied im Freundeskreis geworden. Was ist Dir dabei wichtig?
Neben der Dankbarkeit, die ich für das Erlebte empfinde, möchte ich dazu beitragen, meine Erfahrungen und das Wissen übers Hospiz in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Menschen, die selbst schon ähnliche Schicksalsschläge erlebt haben, die wirst du auf jeden Fall eher gewinnen, als die, die überhaupt nichts davon wissen (wollen). Das Wertvollste, was man machen kann: Die Menschen persönlich anzusprechen. Denn klar, die Unkenntnis und die Leugnung von Tod, das kann man ja verstehen. Aber es ist doch nicht realistisch so zu tun, als beträfe mich der Tod erst, wenn ich krank oder alt bin. Der Tod kommt immer mitten im Leben, und manchmal so schnell, dass kaum Zeit bleibt, alles vorzubereiten und zu bedenken. Das wird viel zu wenig wahrgenommen. Und das möchte ich ändern.

Und was könnte dein persönlicher Part sein?
Dass ich immer weiter mache. Zum Beispiel: Ich habe jetzt ja im August meinen 75. Geburtstag. Den, hab ich mir vorgenommen, will ich in etwas größerem Rahmen feiern. Da schreibe ich auch auf die Einladung »von Geschenken bitte ich abzusehen.« Ich werde wieder eine Spendenbüchse hinstellen für das Ricam Hospiz. Was willst du denn einem älteren Menschen – und ich zähle mich jetzt einfach mal dazu – was willst du dem da schenken? Wenn ich irgendwas brauche, kauf ich‘s mir, also ich warte nicht erst auf irgendwelche Zeiten, wo ich dann ein Geschenk bekommen könnte, sondern ich kaufe mir das schon vorher. Mir macht jemand da-mit eine große Freude, wenn er etwas spendet. Also für mich ist das Ricam Hospiz das Größte überhaupt. Ich geh heute noch gerne ins Ricam Hospiz, gehe zum Mittagessen hin oder Kaffee trinken, bring Kuchen hin, ich koche, backe Kekse oder bringe mit, was so gebraucht wird und nun bin auch Mitglied im Freundeskreis.

Heinz, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dorothea Ihme.