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Wie ich dazu kam, Abend-Lieder im Hospiz zu singen

Schwerstkranke zu pflegen, Schmerzen zu lindern, die Seele zu streicheln. Was hilft? Was ist wirksam? Wer könnte darüber besser Auskunft geben, als die Praktiker*innen im Hospiz. Den Anfang in unserer neuen Rubrik macht Andrea Reeck. Sie singt im Spätdienst Abendlieder im Hospiz. Warum erzählt sie selbst.

ABendlied im Hospiz - Foto: hannah-busing-552750-unsplash

Wenn ich im stationären Ricam Hospiz Spätdienst habe, dann ist es mir sehr wichtig, dass die Patienten mit einem guten Gefühl in die Nacht  kommen. Dafür braucht es selbstverständlich zahlreiche pflegerische Unterstützungen auch das Lüften, das Körnerkissen, die Lavendeleinreibung, die Nachtmedikamente, ein Schwätzchen oder ein gutes Gespräch. Aber manchmal fehlt da noch etwas, eigentlich ziemlich häufig. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Selbst schwer krank, war es für mich sehr tröstlich, als jemand da war, die Gitarre holte, leise klimperte und dann sang. Und als ich dann mitsang, trotz Beschwerden, schief und krumm – egal, dann gab es etwas Schönes, das mich umhüllte. Und dieses Gefühl hielt noch länger an, es verklang nicht mit dem letzten Ton des Liedes. Es bleibt ein Nachhall, ein Schutzmantel.

Nun muss man wissen, ich bin bei weitem keine gute Sängerin, innerhalb eines Liedes kann ich problemlos die Melodie wechseln und mit der Textsicherheit ist das auch so eine Sache. Ich kann heute mit Gewissheit sagen, das macht gar nichts – es sind alles nur Variationen.

Wenn ich heute neue Patienten abends frage: „Möchten Sie ein Abendlied?“, dann ernte ich zuerst Unglauben: „Ach, das machen Sie auch?“, oft Zweifel: „Ich kann nicht singen!“ und „Ich kenne gar kein Abendlied!“. Manche bevorzugen ein Abendgebet – das biete ich nur an, wenn ich deutliche Hinweise bekomme, dass das schön wäre. Und wieder andere lehnen es auch rundherum ab – kein Problem, es mag auch nicht jede/r Lavendel. Inzwischen singe ich durchschnittlich für drei Patienten ein Abendlied. Manche singen mit, manche schließen die Augen, manche scheinen zu träumen. In jedem Spätdienst frage ich neu, ob sie ein Abendlied möchten, bisher folgte immer ein freudiges Nicken, so wird es zu einem kleinen Abendritual.

Was sagen die  Auszubildenden und Praktikanten?  „Ich kann nicht singen!“ „Ich kenne kein Abendlied.“  Aber bisher haben alle mitgesungen. Die Mutigen schlagen selbst ein Lied vor. Manche trauen sich dann auch zu singen, wenn ich frei habe.

Was würden Ihre Nachbarn sagen, wenn sie hörten, nebenan wird gesungen, trotz schwerer Krankheit? Nach dem ersten Erstaunen, würden sie vielleicht anfangen leise mitzusingen.  Suchen Sie mal die letzte Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“, da heißt es am Ende: „und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch!“

Das Schönste beim Abendlieder singen – es bleibt ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit – bei jenen, für die ich und mit denen ich gesungen habe und bei mir selbst. Und das hält noch auf meinem Heimweg an, wenn ich um 22:45 Uhr durch die Hermannstraße zur S-Bahn laufe.

Hospiz: Praxis

In dieser Blog-Rubrik veröffentlichen Teammitglieder des Ricam Hospizes Erfahrungen aus dem Zentrum unserer Arbeit. Wir teilen sie, weil wir glauben, dass sie für andere möglicherweise hilfreich sein können. Zugleich möchten wir mit diesen kleinen Episoden verdeutlichen, wie Hospiz-Arbeit aussieht und was wirksam ist. Dabei ist uns wichtig zu betonen: Es sind persönliche Erfahrungswerte der jeweiligen Autorin bzw. des jeweiligen Autors. Sie erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder geben eine offizielle Lehrmeinung oder standardisierten Handlungsanweisungen wieder.