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Ein Semester Feldforschung im Hospiz

Wie kann ich herausfinden, was ich im Leben wirklich brauche? Wie kann ich ein Leben führen, auf das ich am Ende zufrieden zurückblicken kann? Und was kann ich darüber von sterbenden Menschen lernen? Diese Fragen stellte sich Lucas Moldenhauer (22), der ein Semester lang im stationären Ricam Hospiz Praktikant war

Der Sozialarbeitspraktikant im Gespräch mit einer Patientin Unten: Kaffeerunde. Eine gute Möglichkeit, den Menschen zu begegnen, die im Hospiz leben

Im Hospiz wird nochmal gelebt

Als ich über den Flur ging, hörte ich so ein schönes peppiges Lied aus einem Zimmer. Das kannte ich: Blaulicht und Zwielicht von Element of Crime. Ich kam zu Herrn Rose tanzend rein und er strahlte und machte, soweit das ging, mit Armen und Beinen im Rollstuhl mit. Wir sangen beide, ich drehte ihm Zigaretten und machte ihm dann zum Frühstück sein Lieblingstoast, mit Butter, Quark, Marmelade, Bananenscheibchen und Kakaopulver. Seine letzte Zeit im Hospiz war voll von solchen Momenten. Wenn ich ihn zum Mittagessen abfragte, wollte er sich in der Regel nicht entscheiden, sondern alle angebotenen Gerichte probieren. Dann sagte er immer: Ist das alles köstlich! Und die Zwiebeln für seine abendliche Boulette wollte er selber schneiden, trotz der fehlenden Motorik in der Hand. Bei einem Klassik-Konzert im Wintergarten war es sein Akt der Rebellion bei offener Tür laut Punk Rock zu hören. Er wollte immer was machen und hatte so eine große Lust am Leben. Und das, obwohl er mich in den ersten Tagen noch gefragt hat, wo er am besten Tabletten sammeln könnte. Als er ankam, wollte er nicht mehr leben und wurde fast eingehüllt von einem Gefühl der Sinnlosigkeit. Und dann kam das, was nicht selten passiert: dieser aufpäppelnde Hospiz-Effekt. So ähnlich, wie das Lied von Element of Crime, dass alle schwachen und müden Seelen am Ende einer Feier noch einmal wach und lebendig werden lässt, bevor es dann endgültig in den Schlaf geht. Wie schön!

Eine gesunde Einstellung finden

Im Schnitt stirbt im Ricam alle zwei Tage ein Mensch. Und irgendwann war es normal geworden. Da hängt wieder eine Kerze. Da kommen die Bestatter mit dem Sarg. Gewohnt ist der Anblick von Patienten, die seit Tagen nichts mehr gegessen haben und einfach nur noch schwach, still und abwesend sind. Und da weinen Angehörige und liegen sich im Arm. Ich war etwas erschrocken, dass mich nun auch die Gewohnheit überkam. Da erleben unsere Gäste und deren Angehörigen eine Ausnahmesituation, eine ganz besonders intensive Zeit, die sie vielleicht nie vergessen werden. Eine Zeit voller Verbindung, Dankbarkeit, voller Angst und Trauer. Und ich gehe fröhlich über den Flur und all der Ernst rückt manchmal dann in die Ferne. Für mich war das jetzt Alltag geworden. Und dann war ich wiederum auch erschrocken, als mich eine Situation wieder so mitnahm, in einer Phase, in der ich dachte, ich komme mit all dem sehr gut zurecht und kann mich gesund abgrenzen. Ich saß bei Herrn Rose am Bett. Jetzt lag er im Sterben. Ich konnte nicht mehr mit ihm reden, aber er hat mich doch erkannt und klopfte mir im Bett sitzend mit letzter Kraft kumpelhaft auf die Schulter und flüstert meinen Namen. Dann am Abend hörten wir zusammen Neil Young und als das Lied Harvest Moon kam, war ich plötzlich ganz mitgenommen. Puh! So ist das. Irgendwann hört man sein letztes Lied. Und das ist gleichsam so schön und so traurig. Ich habe mit der Zeit gelernt, dass beides wichtig ist. Es ist ok und wichtig, dass das irgendwann Alltag wird, normal wird und dass man sich nicht von all den Geschichten so mitnehmen lässt. Ohne diese Abgrenzung geht es nicht. Und dann ist es für die ganze Arbeit aber genauso gesund, sich immer wieder berühren zu lassen. Offen dafür zu sein. Das ist ein Balanceakt, für den es einfach etwas Zeit braucht am Anfang. Und vielleicht lebt man so auch irgendwann in eine gesunde Einstellung zur eigenen Sterblichkeit hinein.

Ein eigenes Ritual finden

Eines Tages verstarb Frau Luther und ich war übers lange Wochenende nicht da, wo sie sich so plötzlich verschlechtert hat. Sie ist am Sonntag verstorben und von Bestattern abgeholt worden. Und die Verabschiedung unter den Pflegekräften in der Übergabe hab ich auch verpasst. Dann hatte ich nicht die Gelegenheit an einem dieser Rituale Abschied zu nehmen. Am Montag war das Zimmer einfach leer und ich stand erschrocken am Türrahmen. Und das ist manchmal schwer, wenn es nicht aufgefangen wird. All die Rituale helfen, die Waschung, die Lieblingskleidung, den verstorbenen Menschen nochmal sehen und mit ihm reden, die Kerze und die Schweigeminute in der Übergabe. Und wenn ich nicht die Gelegenheit hatte daran teilzunehmen, erfand ich mir hin und wieder eigene Rituale. Frau Luther mochte zu jeder Kaffeerunde einen Pfefferminztee mit zwei Süßstofftabletten. Als sie so plötzlich verstarb, hab ich mir zu Hause so einen Pfefferminztee gemacht und nochmal an sie gedacht. Das tat gut. Ich hab mich ganz dankbar gefühlt. Dadurch ist es rund geworden und ich hab für mich einen Weg gefunden Abschied zu nehmen.

Humor kann uns überleben

Als ich Herrn Schulz bei unserer ersten Begegnung Kaffee in einer Schnabeltasse brachte, fragt er mit seiner leisen schwachen Stimme, ob ich nicht auch Meissner Porzellan da hab. Ich war ganz beglückt, als er mir ironisch und ganz freundschaftlich zulächelte. Ich war gern bei Ihm. Er war fast zu schwach zum Reden und hatte oft Schmerzen. Seine letzten Tage waren nicht leicht. Und doch strahlte da immer so ein wohlwollender Humor aus ihm. Und das auch noch, als ich mich von ihm verabschiedete. Als er da lag und nicht mehr atmete. Das hat mich tief beeindruckt. Da waren dann diese schönen Lachfalten an den Augenpartien, die zufrieden und still der Ewigkeit zulachten. Er hatte da etwas in sich, das wohl sein ganzes Leben schon mitging und noch jetzt strahlte. Toll, wenn man solche guten Dinge in sich kultivieren kann, auf dass diese einen noch ein Stück weit überleben, aber ganz besonders in den uns verbundenen Menschen weiter leben. Ich bleibe dem Ricam Hospiz in großer Dankbarkeit verbunden, danke allen Menschen, die ich begleiten durfte, allen, mit denen ich zusammen arbeiten durfte und allen, die mich unterstützt und so warm aufgenommen und begleitet haben. Ich habe so viel Wichtiges gelernt und gehe mit einem großen Schatz an Erinnerungen. Danke für diese schöne Zeit.