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Virtuelle Realität im Hospiz: Chancen und Risiken

Virtuelle Realität im Hospiz soll dazu beitragen, schwere Krankheitssymptome zu lindern. Spannende Fallbeispiele findet man bislang hauptsächlich jenseits des großen und kleinen Teichs. Das wird aber sicher nicht lange so bleiben.

Virtual Reality im Hospiz Photo by Samuel Zeller on Unsplash

Schnelle Computer, 360-Grad-Videos und spezielle Ausgabegeräte machen es möglich: Täuschend echte Realitätseindrücke von Welten, die nur virtuell existieren. Virtuelle und Erweiterte Realität sind jedoch nicht nur für die Unterhaltungsindustrie spannend. Sie versprechen auch zahlreiche Anwendungen im Gesundheitswesen. Immerhin soll VR, wie die Technologie kurz genannt wird, zu Entspannung, Teilhabe und einer Linderung von Schmerzen und Angst führen können. Kein Wunder, dass Virtuelle Realität im Hospiz eingesetzt wird.

Virtuelle Realität im Hospiz: Schmerztherapie

Welches Potenzial in VR liegt, um Schmerzen zu lindern, hat eine Forschergruppe 2017 in einer Studie im Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles nachweisen können.  An der Studie nahmen 100 Schmerzpatienten teil. Alle Patienten gaben auf einer Schmerzskala von 0-10 ihren Schmerz mit mehr als 3 an. Dabei steht 0 für keinen, 10 für unerträgliche Schmerzen. Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe konnte Naturszenen mit einem VR-Ausgabegerät erleben. Die Kontrollgruppe hat Naturaufnahmen auf einem zweidimensionalen Fernsehgerät gesehen. Das Ergebnis war eine Reduktion der Schmerzen bei über 65% der Patienten. Dabei sank die Schmerzeinschätzung bei der VR-Gruppe im Durchschnitt um 1,3 Punkte auf der Skala. Die Kontrollgruppe konnte nur eine Linderung von 0,6 Punkten erzielen. Diese Ergebnisse geben nur ansatzweise wieder, wie Patienten die Wirkungen von Virtueller Realität im Hospiz beschreiben. So wird ein Patient auf der Website des St. Giles Hospice in Birmingham, England, nach der „Anwendung“ von VR im Hospiz mit den Worten zitiert: „Es war das erste Mal seit einem halben Jahr, dass ich meine Schmerzen ganz und gar vergessen habe.“  Das Team des St. Giles Hospice setzt seit 2017 eine VR-Mediations-App in der Schmerztherapie ein. Die App führt die Nutzer in eine Meditation an einen schönen virtuellen Waldsee. Als Sprecher konnte das Hospiz Sir David Attenborough gewinnen.

Virtuelle Realität im Hospiz: Erlebnis- und Teilhabe-Medium

Im Londoner Trinity Hospice wird VR dafür eingesetzt, Patienten an Orte zu bringen, an denen sie aufgewachsen sind oder zu denen sie immer hinreisen wollten. Schwimmen mit Walen oder Delphinen ist genauso möglich wie trotz Bettlägerigkeit mit der Familie gemeinsam Disneyland zu besuchen. Die Wände des Hospizzimmers werden geöffnet für eine Welt der Sehnsüchte und noch unerfüllten Träume. Die Gefühle, die VR im Hospiz weckt, sind real. Die Erinnerungen, die VR produziert, sind Erinnerungen an ein virtuelles Leben. Das Leben zu leben, selbst Phantastisches zu erfahren und zwar jenseits des körperlich Möglichen, das wird in den letzten Tagen und Wochen als große Bereicherung wahrgenommen.

Virtuelle Realität im Hospiz: Ausbildung und Empathietraining

Selbst in der Ausbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hospiz- und Palliative Care kommt VR bereits zum Einsatz. Das Hospice of Southern Maine nutzt eine Serie aus einem VR-Experiment, das Empathie trainieren soll. Hospizteammitglieder setzen sich eine VR-Brille auf und schlüpfen in die Rolle von Clay, einem 66-jährigen Mann, der unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist. In drei Teilen erleben wir als Clay das Aufklärungsgespräch mit, in dem seine Ärztin uns mitteilt, wie es um uns steht. Wir erleben uns als Clay zu Hause, wie wir vom ambulanten Hospizteam begleitet werden. Schließlich am Ende des Lebens sehen wir durch seine Augen, wie seine Familie um unser Bett im Schlafzimmer steht und sitzt, wartet, schläft. Dann sterben wir.

Kritik

Selbstverständlich gibt es, wie bei jeder Technologie und ihrem Gebrauch, auch kritische Stimmen. So lässt sich fragen, wie Virtuelle Realität im Hospiz die Wahrnehmung der physischen Realität ändert. Werden Patienten vom realen Leben weggeführt hin zu einer Weltflucht, die zwar selbstbestimmt, aber in gewisser Weise auch einer sozialen Sedierung gleichkommt? Ist es erstrebenswert, in Hospizzimmern VR-Brillen zur freien Verfügung zu haben? Oder kann VR ein Stimulus sein, der zu Gesprächen über das Erlebte und echter sozialer Interaktion führt?

Die Kulturkritik an Virtualität und Immersion reicht zurück bis zum Höhlengleichnis von Platon. Grundsätzlich braucht es immer einen gesellschaftlichen Diskurs, wie wir mit technologischen Innovationen umgehen sollten und wollen. Doch das berührt die Haltung zu VR ganz allgemein und medienphilosophisch. Ganz konkret sind hingegen die Nebenwirkungen im VR-Gebrauch zu betrachten. Die Anwendung von VR-Brillen kann zu einer Art Seekrankheit führen, also zu Schwindel und Übelkeit. Daher wird der Einsatz von VR im Hospiz nicht für jede/n das Mittel der Wahl sein. Doch hier fehlen noch Studien.

Fazit

VR wird in der Hospiz- und Palliative Care in einigen Pilotprojekten bereits erfolgreich eingesetzt. Ein großes Argument für den Einsatz von VR liegt in der wirksamen Linderung von Schmerzen. Anwender können sich entspannen und Ängste reduzieren. Es kann Menschen, an verschiedenen Orten zusammenbringen und den Eindruck erwecken, ganz nah beieinander zu sein. VR kann jenseits des körperlich Möglichen Erfahrungen und Erinnerungen produzieren. Nutzer der Technologie empfinden Spaß und Freude dabei. Im Zuge der weiteren Verbreitung von VR im Alltag und als Haushaltsmedium, wird es relativ sicher Einzug halten in verschiedenen Felder des Gesundheitswesens, u.a. auch in Hospizen. Langzeitstudien zur Wirkung von VR stehen noch aus.