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Arbeiten am Puls des Lebens

Ein Mitarbeiter sagte: »Wir sind ein intensiver, aber kein trauriger Ort. Wir arbeiten am Puls des Lebens. Die Gefühle sind echt, niemand muss sich im Angesicht der Endlichkeit mehr verstellen. Tränen gehören dazu, auch Wut und Enttäuschung, aber letztlich arbeiten wir in einem fröhlichen Umfeld, wo viel gelacht wird.

Für uns Pflegefachkräfte ging vor 20 Jahren ein Wunsch in Erfüllung: Es ist im Hospiz möglich Zeit zu haben für Patienten und Angehörige. Kommunikation – eben nicht nur in der Theorie – sondern tatsächlich als wichtig genommene Aufgabe der Pflege. Dieses Privileg konnten wir weiter ausbauen, auch weil Gesellschaft und Politik die Wichtigkeit der guten Sterbebegleitung sehen. Zuletzt unterstützte uns das Hospiz- und Palliativgesetz (HPG), das seit 2015 gilt. Den sterbenden Menschen steht nach 20 Jahren Hospizarbeit ein breites Spektrum ambulanter und stationärer, medizinischer, therapeutischer und pflegerischer Angebote zur Auswahl. Es macht die Arbeit nicht immer leichter, die Ansprüche der Patienten und Angehörigen sind mitgewachsen. Gerade darum sagte eine Mitarbeiterin »weil wir stark sind und den Ansprüchen und Bedürfnissen der Patienten gerecht werden können, arbeiten wir jeden Tag gerne«. Das ist die Motivation, die Hospizarbeit voranbringt.

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie sollten mal dabei sein, wenn Palliativpflegefachkräfte nach Lösungen suchen, wenn ein Patient unzufrieden ist. Ich bin immer wieder beeindruckt über die vielen Ideen und Versuche meiner Kolleginnen und Kollegen, immer unter der Prämisse, dass der Patient so sein darf, wie er ist. Durch die vielen Jahre Hospizarbeit trägt uns die Dankbarkeit, die uns entgegen gebracht wird. Als ich eine Kollegin fragte, was ihr zum 20. Jubiläum wichtig ist, antwortete sie: Geh zu Frau X, sie sagt jedes Mal, wenn man in ihr Zimmer kommt, wie froh und glücklich sie ist, im Hospiz zu sein.

Möge uns das weitere 20 Jahre gelingen, dass Menschen gerne bei uns im Hospiz sind. Auch wenn wir nie vergessen, was der Tod bedeutet. Abschiednehmen, Schmerzen haben, sich der Endlichkeit des Lebens bewusst sein – es kann furchtbar sein. Aber »in einer Umgebung arbeiten zu müssen, wo der Tod nicht zugelassen wird, ist viel schwerer, sagte ein Mitarbeiter auf die Frage, wie er mit so viel Sterben umgeht.

Kürzlich war ich in Lissabon und habe »Nachtzug nach Lissa- bon« (Pascal Mercier) gelesen. Der Protagonist Amadeu Prado fragt, ob jemand im Ernst unsterblich sein möchte? »Wie langweilig und schal müsste es sein …es kommen noch un- endliche Tage, Monate, Jahre … wir bräuchten nicht mehr mit der Zeit rechnen, könnten nichts mehr verpassen, müssten uns nicht mehr eilen … es gibt nichts mehr zu bedauern, alles kann nachgeholt werden. Nicht einmal in den Tag hinein leb- en könnten wir, denn dieses Glück zehrt vom Bewusstsein der verrinnenden Zeit, der Müßiggänger ist ein Abenteurer im Angesicht des Todes …« – »Es ist der Tod, der dem Augenblick seine Schönheit gibt und seinen Schrecken.«

Wir werden häufig gefragt, ob wir aus der ständigen Präsenz des Todes etwas lernen. Die Schönheit des Augenblicks ist die Antwort. Die Achtsamkeit für den Augenblick ist die hohe Schule der Vergänglichkeit. So mancher Patient zeigt uns, dass auch im Wissen um das baldige Ende, das Leben gut sein kann. Darum geht es nur zu einem Teil um Krankheitsbewältigung und Symptomkontrolle. Im Wesentlichen geht es um gutes Leben.
Ein Mitarbeiter sagte: »Wir sind ein intensiver, aber kein trauriger Ort. Wir arbeiten am Puls des Lebens. Die Gefühle sind echt, niemand muss sich im Angesicht der Endlichkeit mehr verstellen. Tränen gehören dazu, auch Wut und Enttäuschung, aber letztlich arbeiten wir in einem fröhlichen Umfeld, wo viel gelacht wird. Wo wir untereinander und mit den sterbenden Bewohnern viel Spaß haben.«

In einem Hospiz können und brauchen die unangenehmen Dinge nicht versteckt werden. Heuchelei ist nicht mehr angebracht, die Menschen zeigen ihre Echtheit. Aspekte der Sicherheit sind weniger wichtig. Der Begriff »Zeit« verändert sich, es geht nicht mehr um Dauer. Der Moment der Begegnung ist wichtig, dem anderen hinter die Fassade zu schauen und kein Urteil zu fällen, weil es gut ist, das der Andere mit mir diesen Moment teilt. Einige Mitarbeiter*innen betonen, wie beschenkt sie sich fühlen, Persönlichkeiten kennenzulernen. Und Patient*innen sagen häufig, dass sie beindruckt sind von der Freundlichkeit und Fröhlichkeit der Mitarbeiter*innen im Hospiz. Damit ist der zweite Lerneffekt im Angesicht des Todes deutlich. Die Kohärenz, die Verbindung der Menschen ist es, die uns als Mitarbeiter genauso trägt, wie die Patien- ten. Im Prozess der Ablösung, wo das Individuum sich seiner selbst sehr bewusst werden muss, wo Autonomie ein wich- tiges Thema ist, ist gleichzeitig die Bindung wichtig. Sich auf den anderen verlassen können. Am Ende des Lebens ist es wie am Anfang, das Kind kann auch nur lernen, wenn es in einer sicheren Bindung lebt, von dort aber weitergeht und autonom wird.

Mitarbeiter*innen und Patient*innen äußern oft, dass ein Leben im Hospiz gut ist – unabhängig von der Dauer, von den vielen Themen die bewältigt werden müssen. Aber leicht ist es nicht. Und ob ich als Mensch durch den ständigen Umgang mit dem Thema Endlichkeit klüger bin? Man darf es in Frage stellen. Vielleicht gefällt mir darum der Satz von Marc Aurel:

»Trotz Deines Bestrebens, an Erkenntniss zu wachsen und Dein unstätes Wesen aufzugeben, zerstreuen Dich die Aussendinge noch immer? Mag sein, wenn Du jenes Streben nur festhältst. Denn das bleibt die grösste Thorheit, sich müde zu arbeiten ohne ein Ziel, auf das man all sein Dichten und Trachten hinrichtet.«