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Erst Angst, dann Dankbarkeit – Ein Pflegeschüler erzählt

Über 60 Pflegeschüler_innen absolvieren jährlich ein mehrwöchiges Praktikum im stationären Ricam Hospiz. Für viele von ihnen ist das Praktikum mit wichtigen Erfahrungen verbunden, sowohl beruflich wie auch persönlich. Der Bericht von Johannes Schönfelder, der als Pflegeschüler bei uns ein Praktikum absolviert hat, steht exemplarisch für viele weitere, ganz ähnliche Berichte.

Als mir das erste Mal bewusst wurde, dass mein nächster Praxiseinsatz im Hospiz sein würde, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Ich hatte die Befürchtung, dass ich mit der alltäglichen Begegnung des Todes, der Begleitung sterbender Menschen sowie deren Angehörigen überfordert sein könnte. Ich hatte Angst, dass ich in Situationen, in denen ich besser Schweigen sollte das Falsche sage und in Momenten, in den tröstende Worte angebracht wären nicht die richtigen Worte finden würde. Aus meiner persönlichen Erfahrung mit dem Tod wusste ich, wie wichtig die passenden Worten, oder auch das Schweigen für die Trauerbewältigung sein können. Im Krankenhaus begleitete ich erst einen Patienten in der präfinalen Phase. Im Umgang mit Angehörigen Sterbender hatte ich noch keine Erfahrung. Theoretisch setzten wir uns in der Schule schon in einem Seminar mit dem Thema Tod und Sterben auseinander, jedoch fühlte ich mich dadurch nicht ausreichend vorbereitet auf den Praxiseinsatz im Hospiz. Gleichzeitig zu meinen Ängsten hatte ich aber auch Hoffnungen vor meinem ersten Einsatz. Zum Beispiel endlich einmal ausreichend Zeit für die Betreuung von Patienten zu haben. Den Menschen als Ganzen, mit all seinen Facetten sowie seiner Geschichte kennen zu lernen und ihn nicht nur als Krankheitsbild zu sehen welches nach 5 Tagen das Krankenhaus wieder verlässt.

Mit all diesen Gedanken und einer Menge Vorfreude startete ich meinen ersten Tag im Hospiz. Ich fühlte mich vom ersten Moment an Wohl. Die Atmosphäre war sehr wohnlich, nichts erinnerte an ein Krankhaus und zu meiner ersten Überraschung sah ich eine Menge lachender Gesichter. Dadurch bekam ich gleich ein gutes Gefühl. Am Anfang fiel es mir schwer mich zu orientieren. Mir wurde zwar alles gezeigt und ich erhielt eine gute Anleitung. Die Abläufe waren jedoch anders als ich sie bisher kannte. Jede Pflegekraft hatte weniger Patienten zu betreuen und mehr Zeit für jeden Einzelnen als ich es bisher gewohnt war. Mir fiel besonders auf, dass die Pflegekräfte nicht nur über die Krankheit des Patienten Bescheid wussten, sondern auch viele Hintergrundinformationen hatten und die Biographiearbeit ein wichtiger Teil des Hospizdienstes ist.

Eine weitere Besonderheit meines ersten Tages war die große Übergabe mit dem gesamten Team, an der nicht nur Pflegekräfte beteiligt waren, sondern auch der Sozialdienst, die Psychologin, Ehrenamtliche und die Pflegedienstleitung. Es war spannend zu sehen wie das Team interdisziplinär zusammenarbeitet und jeder seinen Beitrag dazu leistet, den Aufenthalt im Hospiz für den Patienten, aber auch den Angehörigen, so angenehm wie möglich zu gestalten. Dies würde ich mir auch für das Krankenhaus wünschen. Zugleich lernte ich das erste Ritual im Hospiz kennen. Für einen kürzlich verstorbenen Patienten wurde eine Kerze entzündet, gemeinsame Erlebnisse geteilt und ihm anschließend eine letzte Schweigeminute geschenkt. Dieses Ritual begleitete mich meinen ganzen Einsatz hindurch. Ich empfand es immer wieder als bewegend und eine schöne Geste, jedem Menschen, welcher im Hospiz verstarb eine letzte, gemeinsame Minute zu schenken. Als ich das erst mal etwas selber zu einer Verabschiedung beitragen konnte, fühlte ich mich wirklich angekommen im Hospiz.

Es dauerte etwas die Tages- und Arbeitsstruktur im Hospiz für mich zu durchdringen und mir eine eigene Arbeitsroutine anzueignen. Dies war für mich besonders wichtig, da ich nur so einen Patienten vollumfänglich und seinen Bedürfnissen entsprechend betreuen kann. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang mir dies immer besser und ich schaffte es auch zunehmend selbständiger zu arbeiten. Mit der zunehmenden Routine konnte ich mich auch immer besser auf die Patienten einstellen und mich ihnen gegenüber öffnen. Besonders in Erinnerung ist mir dabei Frau G. geblieben, welche ich die erste Zeit betreute. Anfangs hatte sie Schwierigkeiten mir zu vertrauen, auch dem geschuldet das sie schlechte Erfahrungen mit Schülern gemacht hatte. Mit der Zeit wusste ich immer besser was sie brauchte und wünschte, wodurch ein Vertrauensverhältnis entstand. Dies war ein wirkliches Erfolgserlebnis für mich. Nach einiger Zeit führten wir auch Gespräche über den Tod und das Sterben, was am Anfang schwierig für mich war. Da dies eine neue Situation für mich darstellte, merkte ich, dass es manchmal einfach nur reicht zu zuhören und das zu sagen, was man in dem Moment empfindet.

Nicht nur die psychische Begleitung nahm einen wichtigen Platz ein, sondern auch die pflegerische Arbeit stellte sich als sehr aufwendig und umfangreich da. Ich konnte mir auch viel von den Pflegekräften abschauen, wie sie mit Frau G. sprachen und wie sie im Team versuchten, einen gemeinsamen Weg zu finden um für sie die bestmögliche Betreuung zu gewährleisten. Ich merkte auch, dass es wie in jedem zwischenmenschlichen Verhältnis zu Konflikten zwischen Patient und Pflegenden kommen kann. Es ist hier besonders wichtig, diese anzusprechen und auszuräumen und nicht einfach zu überspielen oder auszublenden. Was mich an dieser Patientin lange beschäftigte war die Tatsache, dass ich mich nicht von ihr verabschieden konnte und ich dadurch für mich keinen „richtigen“ Abschluss gefunden habe. Dadurch lernte ich, dass es auch für Pflegende wichtig sein kann, Abschied zu nehmen.

Dankbar war ich über die anschließenden Gespräche im Team, in denen mir vermittelt wurde, dass es bei der Arbeit im Hospiz nicht immer möglich ist sich zu verabschieden. Dies erleichterte mir die Verarbeitung des Falles. Trotzdem hatte ich die Möglichkeit bei anderen Patienten Abschied zu nehmen und weitere Rituale kennen zu lernen. Dabei sind die Rituale so individuell wie die Patienten selbst und von Pflegekraft zu Pflegekraft unterschiedlich. Es war schön zu sehen, wie die Patienten auch nach dem Tod noch würdevoll behandelt wurden und auf ihre Wünsche eingegangen wurde. Manche wünschten sich bestimmte religiöse Rituale, andere sagten zu Lebzeiten sie möchten „auf jeden Schnick Schnack“ verzichten und auch dies wurde respektiert. Im Laufe der Zeit wurde mir immer wieder bewusst, wie wichtig Rituale für die Menschen sind und welchen Raum sie einnehmen. Sei es bei der Gestaltung der Alltags oder der Gestaltung der Zeit direkt nach dem Tod im Hospiz, nicht nur für die Angehörigen sondern auch für die Pflegenden.

In meiner Zeit im Hospiz habe ich viele Schicksale erlebt die mich bewegten. Eines davon war Herr M., welcher von seiner Erstdiagnose bis zum Einzug ins Hospiz nur ein halbes Jahr hatte, in dem es mit seinem Gesundheitszustand rasch bergab ging. Dies machte mir wieder einmal bewusst wie auf schnelle und unvorhergesehene Weise sich das Leben verändern kann. Trotz seines Schicksals war es schön zu sehen, wie seine Familie und vor allem seine Frau ihm Rückhalt gaben und ihn unterstützen. Das zeigte mir wieder einmal die Wichtigkeit der Familie für jeden von uns.

Abschließend möchte ich festhalten dass die Zeit im Hospiz mich sowohl beruflich als auch in meiner persönlichen Entwicklung weitergebracht hat. Beruflich, da ich mich nun sicherer im Umgang mit dem Tod und dem Sterbeprozess fühle, sowohl was die pflegerischen Aufgaben betrifft als auch die Begleitung der Menschen und deren Angehörigen. Persönlich, da ich mich aktiv mit dem Tod auseinandergesetzt habe. Ich habe mir Gedanken gemacht, was ich mir für mich wünschen würde, und mir wieder einmal bewusst geworden ist, wie kostbar Lebenszeit und die Familie ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich das Hospiz als einen positiven Ort in Erinnerung behalten werde. Trotz der schweren Schicksale und der psychischen Belastung konnte ich die Situation gut verarbeiten und habe wenig mit nach Hause genommen. Zum einen durch die gemeinsamen Gespräche im Team, mit den anderen Schülern, mit denen ich Erfahrungen teilen und besprechen konnte als auch durch den lockeren Umgang untereinander. Denn ich kann sagen, dass ich in einem Praxiseinsatz noch nie so viel mit dem Team lachen konnte wie hier.