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Tastsinn – eine Begegnung. Aus den Hospizbriefen

„Wenn Sie nicht wissen, wann meine Frau kommt, dann können Sie hier auch raus gehen“. Mit diesen ärgerlichen Worten schickte mich Herr H. aus seinem Zimmer.

„Wenn Sie nicht wissen, wann meine Frau kommt, dann können Sie hier auch raus gehen“. Mit diesen ärgerlichen Worten schickte mich Herr H. aus seinem Zimmer. Es war Montag gegen 09:00 Uhr und ich war vom Pflegepersonal gebeten worden, mal nach Herrn H. zu schauen. Neben seiner lebensbedrohenden Krankheit war Herr H. auch an Demenz erkrankt. Da er gleichzeitig sehr aktiv war, bestand die Gefahr, dass Herr H. sich selbst gefährden könnte. So stellte er Möbel um, stapelte sie teilweise, setze sich nur auf kleine Kanten, wickelte sich in den langen Sauerstoffschlauch, aß Sachen, die er für essbar hielt usw. Nun gut, in seinem Zimmer durfte ich also nicht sein. Also ließ ich die Zimmertür offen und setzte mich ein paar Meter entfernt mit einem Buch in den Wintergarten. Alle drei bis vier Minuten stand ich auf und warf einen Blick in das Zimmer von Herrn H. Manchmal musste ich reingehen und Herrn H. vom Sauerstoffschlauch befreien, ihm beim Hose hochziehen behilflich sein oder die Möbel wieder so zu stellen, dass er sich nicht verletzten konnte. So ging das die nächsten drei Stunden und wir tasteten uns langsam in einen gemeinsamen Kontakt. Bald durfte ich ihm behilflich sein, seine Frau anzurufen und zur Mittagszeit durfte ich ihm sogar beim Essen Gesellschaft leisten. Ich kam eine Woche später wieder zu Herrn H. ins Hospiz. Er war deutlich eingeschränkter in seiner Aktivität, müder und erschöpfter. Und trotzdem stand er immer wieder auf, lief durch den Raum, stellte Sachen um. Dieses mal durfte ich die ganze Zeit in seinem Zimmer sein. Ich setzte mich in einen Sessel im Zimmer, las ein Buch und manchmal unterstütze ich Herrn H. darin, sich nicht im Sauerstoffschlauch zu verfangen oder sich auf unsicher stehende Möbelstücke zu setzen. Mich hat diese Begleitung von Herrn H. sehr berührt. Wir haben uns nicht viel unterhalten, Herr H. lebte zu dieser Zeit in seiner eigenen Welt, zu der ich keinen Zugang hatte. Ich war sozusagen unsichtbar an seiner Seite. Dafür da, dass Herr H. ungefährdet so aktiv sein konnte, wie er wollte. Herr H. wurde nicht in seinen Möglichkeiten eingeschränkt, sondern behutsam begleitet. Und das nicht nur von mir. Während seines Aufenthaltes im Ricam Hospiz gab es immer eine Person, Tag und Nacht, die an seiner Seite war und ihn ermöglicht hat, so aktiv zu sein, wie er das für sich bestimmt hat.