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Im Rampenlicht: Die Sozialarbeiterin

Claudia Thielmann, die Sozialarbeiterin des Ricam Hospizes

Claudia Thielmann (l.) berät Patienten und Angehörige

Seit wann arbeitest Du im Ricam?
Ich arbeite seit 8 Jahren im Ricam Hospiz.

Wie bist Du dazu gekommen, in einem Hospiz zu arbeiten?
Als Sozialarbeiterin hatte ich das Glück, schon in vielen Bereichen des Lebens arbeiten zu dürfen. Ich war in der Beratung für Berliner Kinder- und Schülerläden tätig und habe dort Eltern und Erzieher beraten und zum Teil auch weitergebildet. Als Koordinatorin einer Kinderbetreuungseinrichtung mit besonderem Betreuungsbedarf sorgte ich dafür, dass Frauen an Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen konnten, während ihre Kinder bei uns betreut wurden. Als Leiterin einer Beratungsstelle für alleinerziehende Frauen haben wir Frauen in Krisensituationen beraten und in diesem Rahmen auch Frauen aus Gewaltsituationen Unterstützung angeboten und ihnen Wohnungen in einem generationsgemischten Wohnhaus zur Verfügung gestellt. Als Leiterin einer Bildungseinrichtung für junge Mütter habe ich (oft noch minderjährige) junge Frauen ohne Schulabschluss unterrichtet, um sie auf eine externe Prüfung zum erweiterten Hauptschulabschluss vorzubereiten, um ihnen dann auch zu einem Ausbildungsplatz zu verhelfen.

Und als dann noch einmal eine berufliche Veränderung anstand, interessierte mich schließlich das Ende des Lebens und wollte darüber mehr erfahren. Durch private Erfahrungen beeinflusst habe ich mich immer mehr mit den Fragen des Lebensendes beschäftigt und so kam ich dann über einen kleinen Umweg übers Kinderhospiz im Jahr 2007 ins Ricam Hospiz. Am Anfang hatte ich oft das Gefühl, ich arbeite hier am Puls des Lebens, alle wichtigen Lebensfragen kommen hier nochmal zur Sprache. Hier konnte ich all meine beruflichen und auch Lebenserfahrungen einbringen und mich gleichzeitig neuen Aufgaben stellen. Ich bin nach wie vor sehr froh und empfinde es nicht nur beruflich, sondern auch persönlich als sehr bereichernd hier arbeiten zu dürfen.

Für Menschen, die einen Platz im stationären Hospiz benötigen, bist oft Du die erste Ansprechpartnerin im Ricam Hospiz, meist erst einmal am Telefon. Wie können wir uns ein solches Anmeldegespräch vorstellen? Welche Not hörst Du am anderen Ende der Leitung?

Wenn Angehörige einen Patienten anmelden, befinden sie sich oft in einer Ausnahmesituation. Meist haben sie noch kurz zuvor den Möglichkeiten der Medizin vertraut und auf eine Verbesserung der Lage Ihres geliebten Angehörigen geglaubt. Nicht selten hören sie dann von einem Moment zum anderen, dass die Ärzte nichts mehr tun können und werden aufgefordert, sich nach einem Hospizplatz umzuschauen. Aufgewühlt und mit großen Unsicherheiten und Ängsten rufen sie dann an oder kommen gleich her zu uns.
In einem solchen Gespräch hilft den Menschen oft die Selbstverständlichkeit, mit der ich sie über diese zuvor noch undenkbare und unaussprechliche Frage der bevorstehenden Hospizversorgung informiere und berate. Sie spüren schnell, dass sie nun all ihre Fragen stellen können, die sie vorher nicht zu fragen wagten und ich versuche mit ihnen gemeinsam, alle relevanten Aspekte ihrer persönlichen Situation zu beleuchten. Je nach Situation berate ich sie zu den nächsten Schritten, die sie nun gehen können. Ist es denkbar, den kranken Angehörigen zuhause zu versorgen oder ist eine stationäre Hospizversorgung notwendig?

Wieviel solcher Anmeldungen bearbeitest Du im Jahr?
Als ich im Ricam anfing, waren es ca. 600-800 Anmeldungen pro Jahr. im Mittlerweile sind es über 1100 Anmeldungen.

Bei solch‘ einer großen Zahl hilfesuchender Menschen, kannst Du ja nur wenigen einen Platz anbieten und damit helfen. Ist das nicht auf Dauer demoralisierend?
Es sind gar nicht mehr wenige Menschen, die mit einem Hospizplatz versorgt werden können. Von den über 1100 Anmeldungen bei uns im letzten Jahr konnten wir 199 Patienten (20%) einen Platz im Ricam Hospiz anbieten und knapp 300 (25 %) der angemeldeten Patienten konnten in ein anderes Hospiz verlegt werden.
Von den 400 Patienten, die angemeldet waren und verstarben, waren die meisten im Gegensatz zu früher wenigstens in stationären Einrichtungen (oft Palliativstationen oder onkologische Stationen) oder mit einer SAPV-Versorgung zuhause gut versorgt.
Ca. 100 Menschen (10%) sind bei uns nur vorsorglich angemeldet. Dies sind Menschen, die eine lebensbegrenzende Erkrankung haben, denen es aber noch relativ gut geht und die (noch) nicht aufgenommen werden wollen und zum Teil ambulant von uns bis zum Ende begleitet werden.

Somit können im Vergleich zu früher viel mehr Menschen in ein Hospiz verlegt werden oder mit einer umfassenden SAPV-Versorgung (Spezialisierte ambulante Palliativversorgung) die Möglichkeit erhalten, bis zum Lebensende zuhause bleiben zu können. Die Situation am Lebensende hat sich also aus meiner Sicht für viele Menschen sehr stark verbessert.

Wie wird ausgewählt, wer denn das nächste freie Zimmer im Hospiz erhält?
Die Menschen, die von einem Arzt die Notwendigkeit einer stationären Hospizversorgung attestiert bekommen, sind alle dringlich aufzunehmende Patienten, die nur noch über eine sehr begrenzte Lebenszeit verfügen. Insofern gilt in der Regel das Datum der Anmeldung als wichtigstes Kriterium für die Platzvergabe. Natürlich müssen wir aber auch berücksichtigen, ob ein Mensch z.B. aus einem Krankenhaus zu uns kommen soll, in dem er aktuell eine professionelle Betreuung hat oder ob er alleine zuhause in einer sehr unterversorgten Situation lebt. Das wird bei der Platzvergabe immer wieder neu und im Einzelfall entschieden.

Wieviel Zeit haben Patienten, um sich zu entscheiden: Nehme ich den freien Platz und gehe ins Hospiz oder versuche ich doch lieber zu Hause zu bleiben?
Da wir fast immer viele dringliche Anmeldungen haben, versuchen wir, ein freies Zimmer nicht lange leer stehen zu lassen. Insofern ist zwischen unserem Anruf mit einem Platzangebot und der geplanten Aufnahme oft nur wenige Stunden bis zu einem Tag Zeit. Der Patient hat jedoch immer die Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden, sich zurückstellen zu lassen oder auch ganz zu verzichten. Diese Fälle kommen allerdings nicht oft vor.

Wie reagieren Patienten und Angehörige, wenn Du anrufst und sagst: Wir haben einen freien Platz? Möchten Sie diesen Platz annehmen?
Wer dringend bei uns auf einen Platz wartet, ist in der Regel sehr froh und erleichtert, wenn unser Anruf dann endlich kommt. Manchmal vergeht auch eine kleine Schrecksekunde, bevor das Einverständnis folgt. Aber die meisten Menschen sind nach einer langen Krankengeschichte mit hoher Symptomlast sehr erleichtert, wenn sie sich in unsere Versorgung begeben.

Mit welchen Anliegen kommen Menschen während ihres Aufenthaltes im Ricam Hospiz zu Dir?
Zunächst bin ich zuständig, für den formalen und vertraglichen Rahmen nach der Aufnahme eines Patienten. Ich bespreche mit ihnen oder den Angehörigen den Hospizvertrag und andere Leistungen, wie z.B. die hauseigene Telefon- oder WLan-Nutzung, die Apothekenleistung, die während des Aufenthalts zum hier in Anspruch genommen werden. In dem Zusammenhang kläre ich auch Fragen zu Vollmachten, ggf. auch die Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung. Viele Patienten haben das Bedürfnis, Ihre Dinge zu regeln, Kündigung von Verträgen, Begleichung von noch offenen Rechnungen, Fragen zur Sicherung ihres Lebensunterhalts und ich unterstütze sie im Rahmen meiner Möglichkeiten. Aber auch die Frage nach dem „Danach“ treibt Patienten oder Angehörige um. Wofür soll noch Vorsorge getroffen werden, wann soll die Wahl des Bestatters stattfinden, welchen Rahmen bietet das Hospiz nach dem Versterben für den Abschied?

Worin siehst Du das Ziel Deiner Arbeit?
Natürlich möchte ich die Menschen, die sich an uns wenden, kompetent und umfassend zu ihrer ganz persönlichen Situation beraten und begleiten. Nach einer meist langen Krankengeschichte und einer Odyssee durch Krankenhäuser mit langwierigen Behandlungen und oft unsicheren und strapaziösen Therapieoptionen voller Hoffnung müssen sie sich bei uns mit dem bevorstehenden Lebensende konfrontieren. Wenn es mir als oft erster Ansprechpartnerin hier gelingt, dass das Thema der bevorstehenden Hospizversorgung ein wenig die Angst und den Schrecken verliert, dann ist schon viel gewonnen. Und wenn die aufgenommenen Patienten und deren Angehörige dann bei uns
in allen Bereichen Spüren können, dass auch die letzten Wochen und Monate bei uns noch Lebenszeit sind, dann fühlen sich die allermeisten Menschen bei uns gut aufgehoben und das gibt auch mir ein gutes Gefühl.