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Darf man helfen, wenn jemand den letzten Augenblick selber bestimmen möchte?

In der Schweiz gibt es die beiden bekannten Sterbehilfeorganisationen Exit und Dignitas. Wobei Exit nur in der Schweiz lebende Menschen als Mitglieder akzeptiert, Dignitas aber auch ausländische Mitglieder beim Suizid unterstützt. Brauchen wir in Deutschland eine entsprechende Organisation, damit niemand mehr in die Schweiz fahren muss oder sollen sie verboten werden? Brauchen wir ein verändertes Strafrecht?
Ich kann auf diese Fragen – zumindest bis jetzt – keine Antwort geben. Die rechtlichen und ethischen Aspekte sind vielschichtig. In diesem Herbst wird viel darüber diskutiert werden, weil jetzt die Abgeordneten ihre Anträge formulieren müssen, über die im nächsten Jahr entschieden werden soll. Grob gesagt, geht es um ein Verbot organisierter (kommerzieller) Sterbehilfe oder sogar um ein absolutes Verbot der Beihilfe zum Suizid. Im Folgenden werde ich nicht die verschiedenen Standpunkte darlegen und beurteilen, sondern meine ganz persönlichen Gedanken nach vielen Jahren Hospizarbeit in der Schweiz und Deutschland mit dem Leser teilen. Als Pflegekraft in einem Schweizer Hospiz für Menschen, die überwiegend an Aids erkrankt waren, habe ich Anfang der 1990-er Jahre einen Patienten betreut, der für sich eine Grenze für ein ihm erträgliches Leben festgelegt hatte und bei seinem Suizid unterstützt wurde, als diese Grenze überschritten war.

An dem Tag als Paul starb, war ich für ihn zuständig, aber nicht in seine Pläne involviert. Im Frühdienst habe ich ihm auf Wunsch sehr viele Lilien besorgt und auf Anweisung des Arztes das Kortison erhöht, mit dem Ziel seine Klarheit zu stärken. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob ich zu naiv war, um diese Vorbereitungen nicht als das zu erkennen, was sie waren. Aber ich bin froh, dass ich die Fähigkeit habe, mich nicht zu involvieren, wenn ich nicht gefragt bin. Es gibt Dinge, die mich nichts angehen, wo ich Vertrauen in die Akteure habe und deren Verantwortung respektiere. In diesem Fall kamen am Ende meines Dienstes der Arzt, der Seelsorger und der Einrichtungsleiter zu Paul. Nichts außergewöhnliches, denn es fanden im Laufe des letzten halben Jahres einige Gespräche in ähnlicher Zusammensetzung statt. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Paul ein tödliches Mittel genommen hatte. Er wurde dabei nicht alleine gelassen. Es war keine Sterbehilfeorganisation beteiligt. Als Pflegeteam erfuhren wir erst danach, dass Paul den Plan, auf diese Weise zu sterben, schon bei seiner Aufnahme formuliert hatte und genau wusste, ab wann sein Leiden für ihn nicht mehr erträglich sein würde. In vielen Gesprächen sprach er mit den involvierten Personen und wiederholte seine Entscheidung meist in Situationen, wo es ihm gut ging. Sein Seelsorger und der Arzt haben ihm Optionen für sein Leben mit immer mehr Einschränkungen gezeigt, aber ihm auch versprochen ihn nicht alleine zu lassen, wenn er seine Entscheidung umsetzen würde. Wir anderen im Team haben ihn als ausgeglichenen Menschen kennengelernt, der seine Krankheit bewältigen konnte. Die starke Verschlechterung der letzten Tage war deutlich, aber keiner von den nicht involvierten Pflegekräften hätte mit einem Suizid gerechnet. Die Reaktion im Team war unterschiedlich. Niemand verurteilte das Geschehene, aber einige hätten gerne mehr Informationen im Voraus gehabt. Ich hingegen war froh, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht einbezogen war. So musste ich die Entscheidung von Paul und seinen Vertrauten nicht beurteilen und schon gar nicht verurteilen. Es hieß, dass Paul seine letzte Lebenszeit nur ausgeglichen leben konnte, weil er wusste, dass er die Grenze seiner Kraft und seines Lebens selber festlegen konnte.
Inzwischen habe ich ca. 25 Jahre mehr Erfahrung in der Palliativpflege. Wie erlebe ich die Auseinandersetzung mit dem Thema in meiner täglichen Arbeit heute?

»…eigentlich will ich ja in die Schweiz fahren“, eine Aussage, die mir im Hospiz regelmäßig, jedoch im Bezug auf die Zahl aller Patienten selten begegnet. Doch ähnliche Äußerungen, zum Beispiel die Frage nach der schnellen Tablette werden manchmal gemacht. Oft sagen die Patienten in einem Atemzug dazu, dass sie wissen, dass das bei uns ja nicht geht. Klingt fast, als wären sie froh darüber. Was wollen sie mit einer solchen Aussage ausdrücken?

Krankheit, Schwäche, Kontrollverlust und vor allem Hilfsbedürftigkeit, sind schwierige Themen für uns Menschen. Hilfe anzunehmen und unsere Lieben in ihrer Freiheit einzuschränken, ist besonders schwer. Da formuliert mancher seine Grenze für lebenswertes Leben sehr schnell. Glücklicherweise kann ich sagen, dass die meisten Menschen dann doch Schritt für Schritt lernen mit ihrer Krankheit zu leben und die ihnen angebotene Hand zu nehmen. Und umgekehrt gibt es wunderbare Familien und Freunde, die ihre Unterstützung gerne geben und dabei erleben, dass in allem Leid auch Glück erlebt wird.
Nicht zuletzt hören wir immer wieder, dass die Zeit im Hospiz intensiv und sehr schön war. Hier sind die Menschen alle aufmerksam und zugewandt – eine Erfahrung, die sich am Ende des Lebens lohnt. Leben und lernen bis zuletzt!

Und genau das ist es, was ich möchte und weswegen ich in einer sozialen Nonprofitorganisation arbeite. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Fürsorge, Akzeptanz des Schwächeren, Mitgefühl und die Bereitschaft zu helfen und sich helfen zu lassen große Werte sind. Autonomie kann der Fürsorge als Wert gegenüber stehen. Manchmal ergibt sich daraus ein Dilemma, das abgewogen werden muss. Aber Autonomie darf nicht der einzige Wert einer Gesellschaft sein. Darum gibt es keinen Zweifel: Palliativmedizin und Pflege müssen gestärkt werden. Jeder – auch der multimorbide Bewohner des Pflegeheims – muss Zugang zu einer fürsorglichen und symptomorientierten Betreuung haben. Dieses Ziel ist nicht erreicht und angesichts der Bevölkerungspyramide in Zukunft besteht die Gefahr, dass wir es nicht erreichen werden.
Wir erleben im Hospiz Menschen, die sofort sterben wollen. Bei vielen ist der Wunsch da, ohne dass sie selber über eine aktive Beschleunigung nachdenken. Andere würden ernsthaft Hilfe in Anspruch nehmen, aber der Wunsch taucht auf und verschwindet wieder. Sie sterben am Ende meist in Frieden, auch wenn der Weg nicht ohne Leid gegangen wurde. Wenn man sie fragt, was das Leben zuletzt lebenswert oder wenigstens aushaltbar macht, ist es die Liebe, die Aufmerksamkeit, das Getragen werden. Menschen zu erleben, die nicht weggehen oder wegsehen, sondern die Hand reichen. Das sind die Werte, die wir im Hospiz leben und für die Hospizarbeit steht. Unsere Aussage lautet: »Wir sind berührt von Deinem langen Weg und Deinem Wunsch, dass es zu Ende geht. Wir wünschen es Dir und tun nichts, um Dich hier zu halten. Aber wir beschleunigen nicht. Auf Deine Situation reagieren wir mit Aufmerksamkeit. Wir bilden eine Kohärenz – stellen ein neues Gleichgewicht her – wenn alles körperliche unsicher wird – bieten wir eine neue verlässliche Sicherheit in der Gemeinschaft.« Es beeindruckt mich, wenn Sterbende erzählen, dass sie in dieser letzten Zeit sich selber in ihrem tiefsten Wesenskern erfahren, sie gehen im wörtlichen Sinn zu Grunde – also auf ihren Grund zurück. Das sind keine leichten, aber lohnende Lebenserfahrungen.
Hospiz bedeutet in schweren Situationen Beistand zu gewähren. Ich fände es schwierig, wenn ich gleichzeitig auch die Option für den schnellen Tod bereitstellen könnte. Wenn es einfach ist, sich für »die Pille« zu entscheiden, ist es vielleicht schwieriger, die Fürsorge anderer zu beanspruchen. Und gibt es dann nicht Menschen, die ebenfalls finden, dass es jetzt kein erträgliches Leben mehr ist und dem Leidenden ihr Verständnis für die Einnahme der »Pille« mitteilen?

Es gibt Situationen, wo nichts das Leiden wirklich lindert. Durch eine Sedierung das Bewusstsein zu senken oder ganz auszuschalten, ist dann die letzte Möglichkeit für uns. Diesen Schritt gehen wir, respektive die Ärzte, mit großer Sorgsamkeit. Aber er ist nicht der schnelle Ausweg, er ist unter Umständen noch rückgängig zu machen. Eine Sedierung kommt konsequent nur dann in Frage, wenn schwerwiegende Symptome nicht anders gelindert werden können. Der Patient muss sich bei einer Sedierung der Fürsorge anderer erst recht anvertrauen. Und für mich ist es ein anderes Gefühl, jemanden das Bewusstsein durch Medikamente zu nehmen, wenn sein Leid sonst nicht gelindert werden kann, als wenn ich ein Mittel bereitstelle, wo alles sofort zu Ende ist.

Aber was ist nun mit Paul? Er hatte eine gute palliative Versorgung, seine Symptome wurden behandelt, aber seine größer werdende Verwirrtheit hielt er nicht aus. Darf es eine Möglichkeit geben, ihm beim Suizid zu helfen? Schadet es unserer Gesellschaft, wenn einzelne diesen Weg gehen und wenn sie Menschen, in erster Linie Ärzte, finden, die ihnen entsprechende Mittel zur Verfügung stellen, so dass sie sich nicht »vom Dach springen« müssen?

Manche stellen die Frage, ob man Ärzten noch vertrauen kann, wenn sie bei der Beendigung des Lebens helfen dürfen. In Holland, wo die Tötung auf Verlangen unter sehr eingeschränkten Umständen erlaubt ist, sollen Menschen aus Angst in ihrer Verfügung schreiben: »Doktor töte mich nicht«. Ich kann nicht überprüfen, wie groß die Angst dort wirklich ist. Aber es geht in Holland um die Tötung auf Verlangen, also die aktive Herbeiführung des Todes durch den Arzt. Paul aber hatte die Tatherrschaft, ihm wurde das Mittel bereitgestellt, er musste es selber trinken. Ist der Arzt weniger vertrauenswürdig, wenn er in absoluten Ausnahmefällen die Medikamente bereitstellt? Pauls Arzt ist ein vertrauenswürdiger und kompetenter Arzt. Und obwohl andere Patienten den Suizid auch mitbekamen, gab es weder einen Vertrauensverlust noch weitere Anfragen zur Suizidbeihilfe.

Worüber diskutieren wir? Der Suizid ist nicht verboten, es kann also auch keiner bestraft werden, der dabei hilft. Für den Arzt – und nur der kann entsprechende Medikamente verordnen – geht es beim ärztlich assistierten Suizid darum, inwieweit entsprechende Formulierungen in den Berufsordnungen der Länder berufsrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Kann es hier eine Vereinheitlichung geben, die Sicherheit schafft und den einzelnen Menschen nicht in Stich lässt? Es könnte zum Beispiel bei der Aussage bleiben, dass die Ärzte keine Beihilfe leisten sollen, jedoch keine Strafe bei begründeten Einzelfällen droht. Oder muss das Strafrecht regeln, was bis jetzt gar nicht verboten ist, damit Grenzen beschrieben werden können? Eine eher akzeptierte Grenze ist die kommerzielle Sterbehilfe, wo man mit dem selbstgewähltem Tod anderer Menschen. Gewinne erzielen kann. Genügt es, sie zu verbieten? Ist dann die organisierte Beihilfe zum Suizid, an der nichts verdient wird, ausdrücklich erlaubt? Wäre eine solche Lösung sicher genug, damit alle Suizide verhindert würden, die durch Beratung und entsprechende Hilfen verhindert werden könnten? Wäre es eine sichere Regelung, wenn Mindestanforderungen z.B. nach sehr intensiver Beratung durch zwei Ärzte, davon ein Palliativmediziner, nach zeitlichen Fristen, nur bei bestimmten Krankheitsverläufen usw. – festgelegt wären?

Oft höre ich, dass es besser ist alles so zu lassen, wie es jetzt ist. Jeder findet schon seinen Weg. Vielleicht ist das richtig, jedoch würde ich für meinen Arzt Rechts- und Berufssicherheit wollen, falls ich seine Hilfe eines Tages möchte. – Sind Grauzonen besser als eine klare Regelung?

Vielleicht ist nur ein absolutes Verbot richtig. Weil der Dammbruch nicht erst bei der Anzahl der Fälle stattfindet, sondern schon bei dem Gedanken, dass wir über das Leben bestimmen wollen.

Fazit: Für mich gibt es viele Fragen und noch keine Antwort. Ich möchte keine Gesellschaft, in der Suizid ein gängiger Ausweg ist. Aber ich möchte einen respektvollen Umgang mit den Menschen, die trotz aller Aufklärung klar bei dem Wunsch bleiben, ihr Leben beenden zu wollen. Es fängt schon bei der Sprache an, hier sollte nicht von Selbstmördern geredet werden. Das oberste Gebot ist, die Menschen ernst zu nehmen, ihre Ängste und Befürchtungen zu hören. Angebote müssen so gemacht werden, das sie individuelle Antworten auf die Situation des Einzelnen sind. Pauschale Aussagen, z.B. mit der Palliativmedizin verliert sich der Wunsch, Hilfe beim Sterben zu bekommen, stimmen nur in den meisten Fällen. Aber dem Einzelnen, dem Musikprofessor, der an ALS erkrankt ist und in die Schweiz fährt, oder eben Paul wird das nicht gerecht. Laut Aussagen meiner damaligen Kollegen blieb der Suizid von Paul ein Einzelfall in dieser schweizerischen Einrichtung. Damit zu leben, dass Paul meine Bereitschaft für ihn bis zuletzt dazu sein, nicht angenommen hat, fällt mir leichter, weil er von vertrauten Menschen in seiner letzten Entscheidung begleitet wurde. Ob das Sterbehilfeorganisationen so leisten können, wenn es in ihrem Kontakt ja ausschließlich um den Wunsch der Hilfe beim Suizid geht, bezweifle ich. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass die Beihilfe zum Suizid in einem deutschem Hospiz möglich sein wird. Als Mitarbeiter im Hospiz möchte ich für die Begleitung des Menschen in schwierigsten Situationen, für kompetente medizinische, pflegerische und psychologische Unterstützung eintreten. Diese Aufgabe genügt. Dazu beizutragen, dass jemand sein Leben beendet, kann nicht zu meinen Aufgaben zählen.
Am Ende kann ich – besonders wenn ich an Paul denke – nicht sagen, welchem Antrag der Abgeordneten ich zustimmen würde. Aber das Ringen und Nachdenken ist eine gute Gelegenheit über Werte zu sprechen. Die Bedeutung der Autonomie in einer fürsorglichen Gesellschaft und die Kritik am Paternalismus sind interessante Themen. Autonomie geht nicht ohne Verantwortung. Entscheidungen aus Angst vor etwas Unbekanntem zu treffen, ist nicht autonom. Und ja, es lohnt sich vielleicht, den Grund seines Lebens erst beim zu Grunde gehen zu entdecken.

Die bestmögliche Lösung sollte für unsere Gesellschaft passend sein. Sie sollte zudem im Blick haben, dass sie sich ändert. Wenn wir heute schon keine optimale Versorgung unserer Hochbetagten gewährleisten können, wie wollen wir das angesichts der Alterspyramide in Zukunft schaffen? Wird auch dann unsere heutige Entscheidung eine lebensbejahende Betreuung noch ermöglichen?

Egal, wie die Entscheidung ausfallen wird, der Weg dahin, das Reden und Nachdenken sind wertvoll. Polemik und Verurteilen sind nicht hilfreich. Genauso wichtig und wertvoll ist der Einsatz für die Palliative Versorgung – sie wird in keinem Fall weniger werden dürfen. Am Ende wollen wir alle eine Gesellschaft, in der wir füreinander da sind.