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»Sie dämmern vor sich hin und warten auf den Tod«

Eine tosende Straße. Autos. Autos. Autos. Links und rechts der Straße flache Häuschen aus Holz. Eins wie das andere, ohne Gesicht. Eine amerikanische Kleinstadt irgendwo in Kalifornien.

Auf einem dieser eingeschossigen Häuser lese ich, halb hinter Bäumchen versteckt, in großen Lettern gedruckt den Schriftzug »HOSPITAL«. Nichts erinnert an ein Krankenhaus: keine Rampe für die Notfallwagen, kein »Emergency Room«. Es sieht aus wie ein Wohnhaus, so wie alle anderen in dieser Straße. Und so denke ich zunächst an ein Hospiz, wie ich es aus Deutschland kenne, eingebettet in die Nachbarschaft, ein Haus, das Sterbenden einen sicheren, familiären, wohnlichen Ort bietet.

Fotos: (C) Saskia Mätzig

Fotos: (C) Saskia Mätzig

Wir treten ein und finden uns wieder in einer Art Lobby, einem Gemeinschaftsraum mit vielen Menschen, die still und reglos in sich zusammengesunken in ihren Rollstühlen sitzen. Manche von ihnen scheinen mir viel zu jung für diesen Ort. Sie sehen uns mit aufgewecktem Blick an. Als wären wir eine willkommene Abwechslung an einem Tag, an dem nicht viel zu passieren scheint. Bald merken wir, dass wir mehr sind: Gesprächspartner für Menschen, mit denen anscheinend sonst kaum jemand redet. Die einzigen Worte im Raum kommen von einem an der Wand hängenden Fernsehapparat. Hektische Bildfolgen der Nachrichten von Fox TV. Es ist kein Hospiz. Es ist ein Pflegeheim. Hier leben Menschen über Jahre. Bis zu ihrem Tod. Wir beide hatten den Eindruck: Sie dämmern vor sich hin und warten auf den Tod.

Mein Freund hatte seine Mutter Jahre nicht mehr gesehen. Er lebte in Deutschland, sie in den Staaten. Als wir an ihren Stuhl treten, wacht sie aus ihrem Dämmerschlaf auf. Ihre Freude überwältigt uns. Sie ruft allen im Raum zu: »Das ist mein Sohn, das ist mein Sohn.« Doch es gibt keinerlei Widerhall. Der einzige Klang, den wir hören, ist der schreiende Fernsehapparat.

Wer in diesem »Hospital« arbeitet, ist meist asiatischer Herkunft oder Hispanic, wie die lateinamerikanische Minderheit hier genannt wird. Die meisten Schwestern und Pfleger sprechen ein Englisch, das für die Bewohner kaum zu verstehen ist. Es scheint, als wären sie angelernte Hilfskräfte wie in vielen Branchen der USA üblich. Nach sechs Wochen Anlernzeit ist man »Specialist«, gleich ob in der Automobilindustrie oder in der Altenpflege.

Jeden Morgen treffen wir die Mutter meines Freundes in ihrem Dämmerzustand im Rollstuhl an. Ihr Zimmer ist karg eingerichtet. Ein Bett, ein Nachttisch, ein Stuhl auf der einen Seite des Zimmers. Das gleiche Mobiliar auf der anderen Seite. Dort liegt eine andere ältere Dame bereits im Sterben. Immer wieder stöhnt sie vor Schmerzen. Schon zum Frühstück bringen die Pflegekräfte der Mutter meines Freundes eine Handvoll Tabletten, die sie schlucken muss. Zum Mittagessen noch einmal so viel. Mir ist nicht klar, wozu sie eine solche Menge von Medikamenten braucht, denn ihre einzige Behinderung scheint in ihrer Langsamkeit und weitgehenden Unbeweglichkeit im Rollstuhl zu bestehen. Das einzige Medikament, das ihr wirklich hilft, ist unsere Anwesenheit. Je länger wir bei ihr bleiben, desto lebendiger und wacher wird sie. Am Nachmittag kommt auch ihre Tochter, die ganz in der Nähe arbeitet und sie oft besucht. Die alte Dame scheint bei all den Ausflügen, die wir mit ihr machen, zu vergessen, wie trostlos der Ort ist, an dem sie bis zu ihrem Tod wird leben müssen. Nach einem dieser Ausflüge frage ich sie, wie sie sich fühle, und sie antwortet: »Es könnte schlimmer sein!«

Könnte es wirklich schlimmer sein? – Wenn ich mir vorstelle, dass sich die Pflege der Menschen dort nur auf das wirklich Notwendigste beschränkt, weil unterbezahlte, vielfach illegale Einwanderer oder Schwarzarbeiter tätig sind, so dass man deutlich vor Augen geführt bekommt, wie sich ein privat finanziertes Pflegeheim „rechnet“, kann ich mir gut vorstellen, wie trostlos das Leben in Pflegeheimen auch in Deutschland aussehen könnte….