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Das letzte Gefecht

Das hatte er schon Karla Fest im Krankenhaus erzählt. Sie leitet das ambulante Ricam Hospiz. Als sie ihn kurz vor seiner Entlassung besuchte, erzählte er ihr von seiner Modellbau-Leidenschaft. Die »Bismarck« war 1936 das größte Schlachtschiff der Welt. Sie sank 1941 nach einem Gefecht mit der britischen Royal Navy. Ich hatte das im Internet gelesen, mir extra ausgedruckt, um gut vorbereitet zu ihm zu gehen. Und davon erzählte ich diesem Freund und er begann zu lachen: »Du willst ein Kriegsschiff basteln? Ausgerechnet Du?«

Ich hatte einen Kurs gemacht, in Vorbereitung auf die ehrenamtliche Sterbebegleitung. Ein Jahr lang. Und Gerhard Beseler (Name von Red. geändert) war nun meine erste Begleitung. Als er mir die Wohnungstür öffnete, stand da ein hagerer, blasser Mann vor mir, anscheinend das, was von einem einst kräftigen Körper übrig bleibt nach der Diagnose Lungenkrebs und 5 Chemos. Er bat mich freundlich herein. Im Schlafzimmer, oben auf dem Kleiderschrank stand der über ein Meter lange Rumpf des Schiffes. Ich hob es vorsichtig herunter und stellte es auf den Tisch. Er begann alle Bauteile auf dem Tisch auszubreiten und zu sortieren, was eine ganze Weile dauerte. Und dann sagte er: »Am besten… wir fangen mit den Türmen an!« Und ich fragte ahnungslos: »Welche Türme?« – Wie schön, dass ich so naiv war. Und er antwortete erstaunt: »Na, die Gefechtstürme!«

Wer mich kennt, weiß, dass ich jahrelang aktiv in der Friedensbewegung tätig war und Kriegsspielzeug früher niemals gutgeheißen hätte. Hier aber ging es nicht um mich. Also antwortete ich ihm: »Ach so! Gefechtstürme! « Und so begann ich zu leimen. Ich hörte seine Anweisungen und tat brav, was er sagte. Und dann war der erste Turm fertig. Er schob ihn prüfend über den Tisch und sagte anerkennend: »Bündig!«

Als ich eine Woche später wiederkam, öffnete er mir freudestrahlend die Tür und fragte: »Möchten Sie einen Kaffee? « Erstaunt, dass er wieder zu Kräften gekommen war, sagte ich: »Ja, gerne, mit Milch.« Er setzte den Kaffee auf und erzählte mir, dass er vieles bereits fertiggestellt habe. Durch unser gemeinsames Basteln habe er so viel Elan bekommen und auch Vertrauen in seine Finger. Erst 3 Uhr nachts hatte er mit dem Basteln aufgehört. Auf dem Tisch standen fünf Gefechtstürme. Viele andere Teile des Schiffes waren vorbereitet. Er holte die Farben und wir begannen zu streichen. Nun war ich nur noch seine Helferin. Er war völlig vertieft und selbstvergessen. Und während ich ihm beim Basteln zusah, wurde mir bewusst: »Das ist Hospiz! Ich tue etwas für mich völlig Nebensächliches und ein anderer gewinnt dadurch Augenblicke größter Intensität.«

Eine Woche später kam er wieder ins Krankenhaus. Ich besuchte ihn dort noch einmal. Dann starb er. Das Schiff ist wahrscheinlich nie fertig geworden. Aber das war nicht mehr wichtig.