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»Das Leben ist eben mitunter auch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit«

lebenszeit:
Herr Dresen, zunächst darf ich Ihnen herzliche Grüße aus dem Ricam Hospiz ausrichten. Dort begannen ja die Recherchen für Ihren aktuellen Film „Halt auf freier Strecke“.

Vielen Dank. Vor dem Besuch bei Ihnen war ich nie in einem Hospiz, weil mich meine Lebenssituation noch nie dorthin geführt hat. Und als wir zum ersten Mal ins Ricam Hospiz kamen, hatte ich schon Herzklopfen und auch eine Angst davor, denn es ist natürlich ein Ort, wo gestorben wird. Ich finde es ja schon gruselig, wenn ich auf der Straße bin, und da wird irgendwo ein Sarg aus einem Haus getragen. Und in einem Hospiz ist das quasi das Tagesgeschäft. Ich war dann total überrascht, als ich einen durchweg freundlichen Ort betrat, der so hell ist, und an dem auch durchaus heitere Menschen sind. Das Belastete, Schwere kam vielleicht noch
aus ganz antiquierten Vorstellungen von Sterbehäusern, und ich hab da ganz schnell meine Vorstellung darüber revidieren müssen, wie heutzutage überhaupt jenseits des Zuhause gestorben wird, und was da für Menschen unterwegs sind. Also das fand ich ehrlich gesagt zum einen beruhigend und zum anderen ganz beglückend, den Menschen dort zu begegnen. Das nimmt einem schönerweise auch ein bisschen eigene Ängste. Ich will nicht sagen, dass ich durch die Erfahrung dieses Films jetzt weniger Angst vor dem Sterben hätte, oder dass der mir in irgendeiner Form selber dabei helfen könnte, aber er macht doch sehr viel Mut zum Leben, und das ist was Schönes, finde ich. Ich fand übrigens auch sehr schön, – das kam in den Gesprächen dort ja vor – dass die Menschen uns da auch erzählt haben, wie hypochondrisch sie auf bestimmte Sterbesituationen reagieren, dass man z.B. selber anfängt Bauchschmerzen zu kriegen und plötzlich anfängt, seinen eigenen Körper so zu beobachten, angesichts von schweren Krankheiten ringsum. Das sind auch so menschliche Dinge, die ich total nachvollziehen kann.

lebenszeit: Mit ihrem Episodenfilm „Nachtgestalten“ sind Sie bekannt geworden. In ihrem aktuellen Film zeigen Sie großes Drama. Sie lassen Ihre Hauptfigur Frank Lange aus dem Zug des Lebens steigen, seine Familie
fährt ohne ihn weiter. Sehen Sie das Leben als Folge von zufälligen Episoden oder eher als Erzählung, die einem Drehbuch folgt?

Das ist eine schwere Frage. Also letztendlich ist es ja dann doch so: Frank (Milan Peschel) musste zwar aussteigen aus dem Zug, aber geplant war’s nicht, und er hatte sich seine weitere Lebensreise schon noch ein bisschen anders vorgestellt. Also, sie haben sich ja gerade ein Häuschen gekauft, er hat zwei Kinder, beide haben Arbeit. Eigentlich hat man jetzt den kleinen Lebenstraum mit dem Häuschen am Stadtrand
realisiert, und es könnte weiter-, wenn nicht sogar los gehen. Also insofern sieht er zu Anfang des Films seine Familie ganz bestimmt nicht als Episode, sondern als das Zentrum seiner Existenz, – um dann zu merken, dass das Leben doch sehr viel kürzer ist, als er dachte, weil man ja nie weiß, an welchem Punkt der Lebensstrecke man sich denn nun gerade befindet. Was mich selbst betrifft: Es gibt schon Dinge, wo eins das andere
bedingt, aber ich will damit nicht sagen, dass ich mein Leben unter Kontrolle habe. Das Leben ist eben auch von vielen Zufällen bestimmt, von Dingen, die geschehen und die man nicht beeinflussen kann. Aber wir wollen immer auf alle Fragen im Leben eine Antwort haben, und eine Begründung. Die gibt es aber häufig nicht. Man kann ein ganzes Leben lang Bio essen, Fahrrad fahren und gesund leben und nicht rauchen und stirbt trotzdem mit Mitte 40 an einem Hirntumor. Solche Fälle haben wir recherchiert. Das Leben ist eben mitunter auch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

lebenszeit: Hat diese ethische Dimension bei der Entscheidung eine Rolle gespielt, die Betroffenen mit Schauspielern zu besetzen, statt einen Dokumentarfilm zu machen, wie es beispielsweise Michael Roemer mit seinem Film „Dying“ getan hat?

Der Hauptgrund war tatsächlich der, dass ich glaube, dass es bestimmte Situationen, die uns aber wichtig waren für unseren Film, im Dokumentarfilm überhaupt nicht darstellen lassen, egal mit welchen ethischen Hintergrund man dort antritt und mit welcher moralischen Legitimation. Also ich halte es zum Beispiel für unmöglich, so einen heftigen Streit, wie er im Zentrum unseres Filmes steht, wo der Rollstuhl plötzlich da ist, im Dokumentarfilm darzustellen. Frank Lange lehnt sich auf und beschimpft seine eigene Frau und fühlt sich
nicht beachtet als Kranker. Und sie brüllt irgendwann zurück, und sagt: »Ja, ich weiß, dass du irgendwann sterben musst, aber wir müssen hier weiter leben«.

lebenszeit: Sicher ermöglicht die Perspektive des Spielfilms viel mehr Innenansichten der Figuren. Nähert man sich dem Thema Tod aber nicht lieber im Spielfilm, weil man sich als Filmemacher moralisch nicht so stark legitimieren muss wie im Dokumentarfilm?

Auch, sicherlich! Also ich hätte ganz sicher Schwierigkeiten, in eine Familie, wo der Familienvater stirbt,
mit einer Kamera rein zu gehen. Da hätte ich auch eine gewisse Scheu, muss ich sagen, obwohl es dazu durchaus großartige Beispiele gibt: Der Film „Die letzte Reise“ von Mechthild Gaßner beispielsweise, in dem die Ärztin Petra Anwar ja auch vorkommt, das ist schon sehr, sehr gut; ein wirklich beeindruckender Film, und ich ziehe auch meinen Hut davor, wie eine Filmemacherin das schafft, in so schwierigen Situationen so nah an die Menschen ran zu kommen und sich so vorzuwagen; das ist bestimmt nicht ganz einfach.

lebenszeit: Nachdem Sie sich nun viel mit dem Tod auseinandergesetzt haben: Wie wünschen Sie sich denn den Abschied aus Ihrem eigenen Leben ?

Also erst mal ist mir durch die Beschäftigung mit dem Thema ein kleines bisschen die Angst genommen worden, dass man in diesem Land allein und von aller Welt verlassen sterben muss mit Schmerzen. Das fand ich schon mal tröstlich, weil das weiß Gott nicht überall auf der Welt so ist. Es gibt ein großes und auch sehr engagiertes System von Menschen, die sich darum kümmern, um diesen letzten Moment im Leben. Und dass die Gesellschaft dafür Sorge trägt, dass es so viel engagierte Menschen gibt, dass finde ich, ist was ganz
Großartiges, Insofern hilft das schon mal ein kleines bisschen, die Angst zu verlieren. Aber letztendlich muss ich sagen, den eigenen Abschied wünsche ich mir eigentlich so, dass es ganz schnell geht. So wie Anfang diesen Jahres Bernd Eichinger gestorben ist, das ist natürlich ein großes Geschenk, mit der eigenen Familie beim Essen zu sitzen, und dann fällt man einfach um, und es ist vorbei. Also man hat nicht diesen Moment
des permanenten Abschiednehmens, sondern man wird einfach ganz schnell geholt. Man muss darüber nicht reflektieren, man muss nicht diesen seelischen und physischen Schmerz ertragen; man ist dann einfach mit einem Schlag weg. Und trotzdem sind alle lieben Menschen dabei. Also, das ist natürlich nicht schlecht, und wenn’s über eine Krankheit passieren sollte, dann am liebsten so, wie es bei Frank Lange ist, so dass die Familie dabei ist. Also die Menschen, die man liebt, mit denen man auf der Lebensreise am meisten zusammen
war, die einen begleitet haben, dass die dann möglichst in der Nähe sind. Dass jemand da ist, der die Hand hält, auch wenn man dann wahrscheinlich schläft.

lebenszeit: Herr Dresen, vielen Dank für das Gespräch.