Magazin

Tabu Kindstod: »Eltern, die sie so gerne sein wollten«

Der Zustand ihres Kindes ist auch nach drei Wochen nicht stabil. Nun ist noch eine Infektion hinzugekommen, er hat Fieber und muss nun zusätzlich beatmet werden. Der tägliche Weg in die Klinik wird zum Martyrium. Der Blick ins Schwesternzimmer zur Herausforderung. Am Abend will Anna nicht heimfahren, der Gedanke an den nächsten Morgen und die Zeit dazwischen ist unvorstellbar. Sie und Thomas fühlen sich so hilflos, so allein. Was können sie schon tun? Der Stationsarzt wirkt ruhig und konzentriert, die Schwestern verständnisvoll,
aber die Angst bleibt. Am nächsten Morgen bittet sie der Arzt gleich nach ihrer Ankunft in der Klinik zum Gespräch. Zunächst wehrt sie ab und sagt, sie würde gern auf Thomas warten. Aber der Blick des Arztes spricht, was sie nicht hören will. Mit einem aufsteigenden Übelkeitsgefühl im Bauch folgt sie ihm in sein Zimmer.
Nach dem Gespräch bleibt Anna bei ihrem Sohn, trägt ihn in den Armen. Es stören keine Schläuche mehr, keine Drähte. Nach den letzten Tagen der Hektik, der Angst und Verzweiflung genießt sie die Stille. Es existieren nur noch ein Mann, eine Frau und ihr Kind – wie unter einer Glocke. Alles ging so schnell und erschien doch so quälend lang. Das Gespräch beim Arzt, das Telefonat mit Thomas, die Stunden am Inkubator.
Die Entscheidung, alle Geräte abzustellen. Das Zimmer, in dem sie jetzt sind, ist schlicht eingerichtet und
angenehm warm. Thomas sitzt auf einem Stuhl und zeichnet, zeichnet sie mit dem Kind im Arm.
Eigentlich kann er das nicht, sagt er, hat noch nie gezeichnet. Und nun fließt es aus dem Bleistift, als wäre es eine gewohnte Tätigkeit. Er ist ganz still und konzentriert. Sie summt vor sich hin, so wie vor dem Inkubator, wie auf dem Liegestuhl. Die Schwester der Elternberatung kommt zum zweiten Mal zu ihr. Sie sitzen nur nebeneinander, schweigen.
Die Schwester fragt sie, ob sie ihren Sohn baden möchte, ob sie etwas hat, was er unbedingt tragen soll. Sie lehnt ab, nicht empört, aber ungläubig und klopft doch eine Stunde später an die Tür der Elternberatung.
Ob es denn immer noch ginge, baden und anziehen, das Kind ganz normal aussehen lassen, mit den Kleidern noch ein Stück mehr zu ihrem Kind machen? Sie weiß nicht, ob sie das ihren Eltern erzählt oder ob
ihre Freundin mit Abscheu den Kopf schütteln würde. Aber sie möchte sich wenigstens für diese kurze Zeit fühlen wie andere Mütter auch. Dinge tun, wie sie jede Mutter tut. […] Die Elternberaterin ermutigt sie, selbst Fotos zu machen. Anna fotografiert gern, auch früher schon. Sie wählt zu Hause einen rot-weiß gestreiften Sommerschal, ein paar kleine rote Schuhe und ein T-Shirt aus. Jetzt läuft sie um den Tisch, auf
dem ihr Sohn in eine weiche Decke gehüllt liegt, und sucht nach schönen Perspektiven. Die Finger, die Mundpartie, der zarte Flaum auf dem Kopf – sie saugt alles auf, was es zu entdecken gibt. Das mit dem
Fußabdruck fällt ihr selbst ein. Sie sah so etwas einmal bei einer Freundin und fand es faszinierend, wie klein der Fuß so eines Neugeborenen sein kann. Fast fühlt sie sich kreativ, vergisst die Angst, dass bald alles vorbei ist. Auch wenn sie es sich jetzt noch nicht vorstellen kann, wird es unweigerlich passieren: Die Erinnerung an ihr Kind wird verblassen. Diese Vorstellung macht ihr Angst. Die Kamera gibt ihr eine Art Handlungsfahrplan vor – und Anna folgt dem nötigen fotografischtechnischen Ablauf, stellt scharf
und löst aus. Die Kamera schützt sie zunächst und macht sie dann freier. Die nächsten Fotos zeigen nicht nur den Kopf ihres Sohnes auf einem weiß-rot gestreiften Schal, sondern sie selbst, auch Thomas, den Sohn auf dem Arm. So sind sie wenigstens auf diesem Foto die Eltern, die sie so gerne sein wollten. Anfangs vorsichtig und behutsam, ja ängstlich drücken erst sie und dann auch Thomas auf den Auslöser. Am Ende waren sie eine Stunde damit beschäftigt, Bilder einzufangen, die bald, morgen oder übermorgen schon, nur noch die Vergangenheit zeigen. Alles mitnehmen, was man sieht, nichts übersehen und vergessen. Nur dieses eine Mal besteht noch die Möglichkeit. In den Tagen danach, den Wochen, bieten ihr die Fotos keine Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch. Nur sie ist es, die mit ihrem Kind auf dem Foto spricht, es streichelt und denkt, was alles hätte sein können. Es ist ein Beweis, den sie noch oft wütend, traurig und stur in die Gesichter von Fragenden oder jenen hält, die ihr raten, wissen und verstehen wollen. Ein Beweis ihrer Trauer, dessen, was sie bekam, um es wieder zu verlieren.

Katharina: »Ihr Name steht auf dem Grabstein, den ich selbst gebaut habe. Es gibt glücklicherweise keine Beschränkung für die Gestaltung des Friedhofes. Ihr ein schönes Grab zu gestalten, auch wenn die Leute
immer wieder alles klauen, ist ja so ziemlich das Einzige, was ich je für sie tun kann. In den Sarg konnte ich ja nichts mehr mit hinein legen. Der war zu. […] Ich ärgere mich permanent über Leute, die sich an ihrem
Grab vergreifen. Es ist ja schon furchtbar, dass überhaupt auf dem Friedhofgeklaut wird, aber auch noch auf einem Kindergrab – das ist nicht zu verstehen. Eine schöne Laterne ist weg, eine Engelfigur. Man stellt immer wieder neue Leuchter hin. Es soll ja auch schön aussehen.«

Die Illustrationen von Anja Sommer sind auf der Neonatologie (Frühgeborenen-Station) der Charité im Virchow-
Klinikum entstanden.

Maureen Grimm und Anja Sommer
Still geboren
Hardcover, 160 Seiten
Panama Verlag
19,90 €


Fatal error: Uncaught wfWAFStorageFileException: Unable to save temporary file for atomic writing. in /homepages/u47400/cmsricam/wp-content/plugins/wordfence/vendor/wordfence/wf-waf/src/lib/storage/file.php:35 Stack trace: #0 /homepages/u47400/cmsricam/wp-content/plugins/wordfence/vendor/wordfence/wf-waf/src/lib/storage/file.php(659): wfWAFStorageFile::atomicFilePutContents('/homepages/u474...', '<?php exit('Acc...') #1 [internal function]: wfWAFStorageFile->saveConfig('livewaf') #2 {main} thrown in /homepages/u47400/cmsricam/wp-content/plugins/wordfence/vendor/wordfence/wf-waf/src/lib/storage/file.php on line 35