Magazin

Röntgenbild der Seele

Ein Gespräch mit Heike Lampe

lebenszeit: Frau Lampe, Sie sind Psychoonkologin, also Psychologin für Krebspatienten, ein sperriges Wort. Wie erklärenSie Ihren Kindern, was Sie tun und worin das Ziel ihrer Arbeit liegt?

Eines meiner Kinder hat mal auf die Frage, »Was macht denn deine Mama?« geantwortet: »Die ist im Krankenhaus und dann ist die da und spricht mit denen, die tröstet die und dann sind die alle tot.« Und da ist viel Wahres dran, Kinder bringen das echt auf den Punkt. Psychoonkologen gibt es ja nur, weil es ein Defizit gibt. Wenn es genug Zeit für Zuwendung und Gespräche geben würde, könnten Arzt und Pflege diese Aufgabe sehr gut übernehmen. Aber weil unser Gesundheitssystem ist, wie es ist, und dafür keinen Platz lässt, die Leute nicht dafür ausgebildet sind und es sehr sehr viel Angst vor dem Tod und dem Sterben gibt, entstehen viele Konflikte und Druck; viel bleibt unausgesprochen, und dafür gibt es dann im Team die Psychoonkologin. Wenn ich mich einem Patienten vorstelle, sag ich immer: »Ich bin hier die Frau, die am meisten Zeit für Sie hat und die sich auch nach demrichten kann, was bei Ihnen am meisten auf der Seele brennt. Und Sie können wählen, ob Sie mit mir darüber sprechen wollen und ich hoffe, dass das hilft.«

lebenszeit: Wie grenzen Sie Ihre Arbeit von der Seelsorge ab?

Ich sorge mich auch um die Seelen, um das seelische Gleichgewicht und da find ich den Begriff »Seelsorge« auch sehr schön. Andererseits ist meine Arbeit auch zielgerichteter. Der Zugang ist, wenn man das so sagen kann, ein bisschen irdischer und ganz klar auf die Situation des Patienten bezogen: Wo ist der Konflikt, was sehen Sie, wollen Sie da raus und was brauchen Sie an Unterstützung?

lebenszeit: Zudem sind Sie ja eingebunden in ein Team aus Pflegekräften, Ärzten, Hospizmitarbeitern…

Das ist natürlich ein ganz wichtiger Aspekt: Ich gehöre mit zu dem Behandlungsteam, und ich arbeite ganz eng mit Ärzten und Schwestern zusammen. Als Team versuchen wir für den Einzelnen einen Weg zu finden, der für ihn passt.

lebenszeit: Nehmen Patienten diese Unterstützung gern an oder reagieren Sie auf Ihr Angebot ablehnend?

Die Reaktionen, sie reichen von »Ich bin doch nicht verrückt! «über »Jetzt kommt der Psychologe – bin ich jetzt auch noch psychisch krank?« bis hin zu »Schön, jetzt ist jemand da und hört mir zu und stellt sich auf mich ein!« Sie wissen, dass sie nicht über ihre Erkrankung reden müssen. das machen sie automatisch, aber darum geht es eigentlich nicht. Und es gibt auch Menschen, die mich ablehnen, die keinen Kontakt wollen,
weil sie wissen: wenn ich rein komme, wird auch dieser seelische Bereich zum Thema. Das macht manchen Angst – aber das darf auch sein.

lebenszeit: In dem medizinischen Umfeld, in dem Sie arbeiten, helfen Ärzte mit viel technischen Apparaten. Sie lindern Symptome mit Chemotherapie oder Bestrahlung und Schmerzmitteln. Sie hingegen arbeiten auf einer nicht-stofflichen, einer immateriellen Basis. Ist es da nicht verwunderlich, dass Sie dennoch Menschen helfen?

Ja, ich bin darüber immer wieder neu erstaunt. Ich hab zu Ärzten schon oft gesagt: »Ich bin so neidisch, wenn ihr euch eure Röntgenbilder anguckt. Ihr seht da was und wisst, was der Tumor macht. Das wäre so schön, wenn ich meine Arbeit auch materialisieren könnte und sagen könnte: »Seht mal, erst war die schwarz, die Seele, wie ein Schatten auf einem Röntgenbild und dann wird sie immer heller.« Aber genau darin liegt die Herausforderung, dem Bereich des Seelischen näher zu kommen und zugleich zu wissen, dass die Seele wie der Tod ein Mysterium bleiben wird.

lebenszeit: Dieses Jahr fand der Film von Andreas Dresen “Halt auf freier Strecke” in Cannes große Beachtung. Dort geht es um die letzten Monate eines Familienvaters, der an einem Hirntumor erkrankt ist und der zu Hause im Kreise seiner Familie stirbt. Nicht wenige Zuschauer weinten, wie so oft im Kino; die Jury und die Filmkritik waren gerührt. Der Protagonist des Films könnte einer Ihrer Patienten sein. Erleben Sie in Ihrem Arbeitsalltag Gespräche, die Sie persönlich tief berühren?

Ja, ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Patienten, Mitte 30, wo der Tod schon mit im Raum war. Ihm ging es körperlich wirklich schlecht und überhaupt war die Situation sehr komplex. Seine Mutter behandeltete ihn wie ein kleines Kind und „erlaubte“ es ihm nicht zu gehen; er sollte einfach noch nicht sterben! Und uns als Team wurde vorgeworfen, dass wir alles falsch machen und wir waren alle ganz ratlos, weil wir auch nicht wussten, was jetzt hilft. Und ich bin in das Zimmer gegangen mit einer Sprachlosigkeit und das kostet ja auch Mut und Kraft, mit einer eigenen Unsicherheit hineinzugehen, man käme lieber mit einer Idee. Dann hab ich mich zu ihm gesetzt und es war eine ganze Weile still. Ich hab dann gefragt: „Gibt es etwas, wo ich helfen kann?“ Das blieb dann im Raum stehen. Und dann passierte für mich etwas ganz schönes, dass mir eine Frage kam, die in diesem Raum entstand, in diesem Augenblick entstand, wo wir beieinander saßen. Und ich hab mich erschrocken, denn die Frage war: „Was war denn eigentlich der glücklichste Moment in Ihrem Leben?“ Und für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, das darfst du jetzt nicht fragen. Da passierte etwas ganz Schönes, ganz wider Erwarten. Er sagte: „Das ist aber eine schwere
Frage“, und fing an nachzudenken. Da veränderte sich seine Ausstrahlung, das Leiden war für einen Moment raus aus diesem Zimmer. Dann hat er mir eine kleine Geschichte aus seinem Leben erzählt und es hat mich sehr gerührt, dass er mich daran teilhaben ließ. Und dann hat er mir die gleiche Frage gestellt. Es schien, als würden zwei Menschen in einer schweren Situation versuchen, einander zu helfen. Er hatte diese für ihn wichtige Szene im Kopf, wo einfach alles gut war, auch wenn seine Schmerzen wieder kamen. Und dahin kann man sich auch immer wieder zurückziehen, das ist wie ein Anker. Ich habe mit dieser Frage einen Raum geöffnet, wo er sich mir zeigen konnte, aber nicht in dieser leidenden, verwundeten Form am Lebensende, sondern in einer Art, in der er glücklich war. Und dieser Teil ist oft verdeckt am Lebensende, aber er ist da.

lebenszeit: Sie geben also Menschen durch Ihre Fragen und ihr Zuhören die Möglichkeit, auf eine Entdeckungsreise ins eigene gelebte Leben zu gehen, gewissermaßen einen roten Faden zu finden…?

Genau. Viele fragen sich: »Wenn ich schon gehen muss von dieser Welt, was habe ich denn hier hinzugefügt? Was hat mich durchs Leben getragen? Und das ist ja etwas ganz existenzielles, zu erkennen, was mich im Innersten ausmacht. Die Frage nach dem roten Faden weckt die Erinnerung an etwas in mir, das auch unter schwersten Bedingungen nicht verletzt werden kann. Und das gibt Halt. Und wie am Beginn des Lebens
geht es auch am Ende darum, gehalten zu werden.

lebenszeit: Der Philosoph Vilèm Flusser hat einmal gesagt, Kommunikation sei ein Kunstgriff, um uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen. Geht es in Ihren Gesprächen mit Sterbenden darum, den Tod zu vergessen?

Ja. Wir können nicht konstant in die Sonne gucken, das tut weh. Wir müssen auch einmal die Augen zu machen, wenn es so hell ist. Und genauso kann man auch nicht immer auf den Tod schauen. Ich glaube, wir brauchen ein Zeichen, dass wir leben, dass wir lebendig sind. Das heißt auch, ich kann den Blick hinwenden, wohin ich will. Mal auf den Tod, mal auf das Leben. Es geht nicht darum, auf eine Sanduhr zu starren! Was
ist denn das für ein Leben, wenn die Uhr läuft und ich völlig gelähmt bin. Sterbende sind auch Lebende. Kommunikation heißt einfach Mitteilen und in Verbindung sein. Und das ist Urbedürfnis, das wir in uns tragen.

lebenszeit: Um mit jemanden in Kontakt zu treten und sich verbunden zu fühlen, braucht es Einfühlung. Viele Gesprächstechniken sollen dabei helfen. Eine davon wird in der Ausbildung vieler sozialer Berufe im Lehrplan gestreift: die Lehre des amerikanischen Psychologen Carl Rogers und seine aus den 50er Jahren stammende Technik des »authentischen Spiegelns«. Wie wichtig sind solche Techniken in Ihrer Arbeit?

Rogers ist gewissermaßen das ABC der Einfühlung. Wenn diese Art zuzuhören, überall verbreitet wäre, dann wären wir ein gutes Stück weiter und würden in einer ganz anderen Gesellschaft leben. Rogers ging es weniger um Technik als um eine Grundhaltung. Wenn wir jemanden begleiten, geht es um die Beziehung, die zwischen den Menschen entsteht. Und das hat überhaupt nichts mit Technik zu tun. Es geht darum, wie ich dem anderen begegne. Sehe ich mich zum Beispiel als Helfer und den Patienten als das arme Opfer? Meine
Haltung bestimmt, wie die Beziehung hergestellt wird, nicht eine Gesprächstechnik. Als Psychologin fühle ich mich ein, aber dann gehe ich methodisch einen Schritt weiter und versuche kontextbezogen zu helfen, das Problem einzubetten in das gesamte System, in dem der Patient lebt, und ihn aus dem Problem hinaus zu begleiten.

lebenszeit: Wird das ABC der Einfühlung im Krankenhaus nicht beherrscht?

Die Arbeit der Ärzte und Pflege ist knallhart. Sie stellen die eigenen Bedürfnisse ganz hinten an. So kommen ja viele an den Punkt, wo die Kraft nicht mehr ausreicht. »Ich schaffe das nicht – noch ein sterbender Mensch!« oder »Diese Angehörige entzieht mir so viel Kraft.« Trotz dieser Empfindungen muss man weitermachen. Die Frage, wie es einem selbst dabei geht, wird völlig ausgeblendet. Es braucht daher zum einen viel mehr Ausbildung für Mitarbeiter. Zum anderen müssen sich auch Strukturen ändern. Ein positives Beispiel sind Palliativstationen. Dort gibt es Einzelzimmer, ein schönes Setting, mehr Personal, weniger Patienten und mehr Zeit. Dazu kommt ein gesellschaftliches Problem, was mit dem Gesundheitswesen nur mittelbar zu tun hat. Ich bemerke eine Sprachnot. Viele Menschen haben ein großes Bedürfnis, wirklich tiefe und berührende Gespräche zu führen. Sie gehen dann zum Therapeuten, wenn sie mit Menschen in ihrem Umfeld nicht sprechen können. Wir haben zunehmden nur noch oberflächigen Kontakt zueinander. Aber wir können das: Miteinander reden. Dazu braucht es keine professionellen Therapeuten. Ich arbeite immer daran, mich überflüssig zu machen.

lebenszeit: Frau Lampe, vielen Dank für dieses Gespräch.

Heike Lampe, geboren 1963, ist Diplompsychologin, war 10 Jahre auf der Palliativstation der Charité tätig, bevor sie vor anderthalb Jahren als Psychoonkologin ins Vivantes Klinikum Am Urban wechselte. Ambulant berät
sie Patienten in der OnkoCare Beratungsstelle.


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