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Dorothea Becker über das geplante Hospizzentrum

Das Ricam Hospiz plant ein ambulantes Hospizzentrum. Für schwerkranke Menschen, denen nur noch wenige Tage oder Wochen bleiben, gibt es in Berlin neben dem Ricam Hospiz viele Angebote. Doch für die vielen Menschen, die sich in einem früheren Stadium einer unheilbaren Erkrankung befinden, sieht die Situation völlig anders aus. Das ambulante Hospizzentrum soll diese Versorgungslücke schließen.

Frau Becker, Sie haben das erste stationäre Hospiz Berlins geplant und mit aufgebaut. 17 Jahre ist die Eröffnung des Ricam Hospizes nun bereits her. Als Geschäftsführerin der Ricam gGmbH planen Sie nun ein ambulantes Hospizzentrum. Was kann man sich unter einem Hospizzentrum vorstellen? Ein ambulantes Hospizzentrum, wie wir es uns vorstellen, gibt es in dieser Form noch nicht in Berlin. Daher ist vieles Neuland und wie vieles in der Hospizbewegung wieder Pionierarbeit. Manches erinnert mich in der jetzigen Planungsphase an die Zeit, in der wir das stationäre Ricam Hospiz konzipiert haben. Unser ambulantes Hospizzentrum soll zuallererst ein Angebot für Menschen sein, die lebensbedrohlich erkrankt sind und zu Hause leben. Sie können einige Tage in der Woche tagsüber oder auch nachts im Zentrum verbringen. Anders als in einer vollstationären Einrichtung kehren sie jeden Tag in ihre vertrauten Wände zurück. Medizinisch geschultes Fachpersonal ist vor Ort. Lindernde Therapien können stattfinden. Im Vordergrund steht die Entlastung der Betroffenen und deren engeren Familienangehörigen und die Teilhabe am Leben. Das Zentrum wird darüber hinaus auch ein Angebot für Angehörige und Trauernde sein. Unser palliativer Hilfsdienst d.E.L.P.H.i.N. wird dort seine neuen Räume beziehen und Anlaufstelle sein für Beratung und Begleitung in einer existenziell bedrohlichen Lebensphase. Mit der Eröffnung des Zentrums wird auch Kultur und Bildung einziehen. Wer das stationäre Ricam Hospiz kennt, weiß wie lebendig es dort zugeht, dank der zahlreichen Künstlerinnen und Künstler. Ähnlich wird es auch im ambulanten Hospizzentrum sein. Unsere Bildungsangebote, zu denen Kurse und Seminare gehören, werden dort stattfinden. Sie merken, das Zentrum ist mehr als eine einzelne Einrichtung. Wird das stationäre Hospiz in der Delbrückstraße auch ins Zentrum umziehen? Nein. Das stationäre Ricam Hospiz bleibt an seinem bewährten Standort. Was ist neu an dem Weg, den das Ricam Hospiz nun einschlagen will? Unser stationäres Ricam Hospiz ist sinnvoll und wird von Patienten und deren Angehörigen entlastend empfunden, weil die Not zu Hause besonders groß war. Mit dem Einzug ins Hospiz ist immer jemand da, Fachpersonal wie auch ehrenamtliche Mitarbeiter_innen. Das bringt eine große Sicherheit ins Leben aller Betroffenen zurück, die sich zu Hause meist der sich verschlechternden Situation ausgeliefert gefühlt haben. Dass diesen Krisen der Stachel genommen werden kann, wissen die Kolleginnen des palliativen Hilfsdienstes d.E.L.P.H.i.N. Doch nicht immer ist es für Patienten möglich zu Hause zu bleiben. Ich denke da zum Beispiel an den jungen Familienvater, der an einem Gehirntumor erkrankt war und tagsüber mit zwei kleinen Kindern zu Hause blieb, während seine Frau arbeiten musste. Als er dann infolge des Tumors einen epileptischen Anfall bekam, entschied er sich zu uns ins stationäre Hospiz zu kommen, aus Angst, dass seine beiden kleinen Söhne hilflos hätten zusehen müssen, wie ihr Vater einen Krampfanfall erleidet. Hätte es ein Hospizzentrum gegeben, wäre ein anderer Weg möglich gewesen. Der junge Mann hätte tagsüber im Hospizzentrum sein können. Abends dann hätte er heimkehren können, so als würde er aus dem Büro, in dem er gearbeitet hatte, zurückkehren. Er hätte gemeinsam mit seiner Familie Abendbrot essen und wertvolle Zeit mit seinen Kindern verbringen können. Tagsüber hätte er Kontakt mit anderen Menschen, denen es ähnlich geht und mit denen oft ganz andere Gespräche möglich sind als mit der Familie. Und das ist das Neue an diesem Weg. Trotz schwerer Krankheit könnten Menschen am Leben teilhaben. Das ist so in dieser Flexibilität in vollstationären Hospizen nicht möglich. Das Zentrum füllt eine Lücke zwischen der Welt stationärer Einrichtungen und dem Leben mit schwerer Krankheit zu Hause. Wie viel werden Patienten für den Aufenthalt im ambulanten Hospizzentrum zahlen müssen? Der Aufenthalt im ambulanten Hospizzentrum würde genauso finanziert wie der in vollstationären Hospizen. Seit 2009 müssen Hospizpatienten ja keinen Eigenanteil mehr zahlen. Die Finanzierung übernehmen die Krankenkassen. Aber nur teilweise. Ein nicht geringer Anteil wird aus Spenden von engagierten Bürgerinnen und Bürgern wie auch Unternehmen getragen. Welchen Patientengruppen genau hilft das geplante Hospizzentrum? Allgemein gesprochen kann das Hospizzentrum allen Menschen helfen, die sich nicht im Endstadium einer Erkrankung befinden. und deren Erkrankung gleich welcher Art die Lebenszeit aber deutlich begrenzt und die sich in physischer, psychischer, sozialer oder spiritueller Not befinden. Besonders geeignet ist das Zentrum für jüngere Patienten, deren Angehörige im Arbeitsprozess stehen oder wo Kinder zu versorgen sind, aber auch gerade für Patienten, die alleine oder ohne engen Familienkontext leben. Das Zentrum soll in Rudow, im Orchideenweg 77 entstehen. Was befindet sich derzeit auf diesem Grundstück? Zurzeit befindet sich auf dem Gelände ein leerstehendes Gemeindezentrum, das der evangelischen Dreieinigkeitsgemeinde Berlin-Buckow gehört. Die Gemeinde möchte die Immobilie einem sozialen Zweck zukommen lassen und hat bevorzugt das Ricam Hospiz angesprochen, das Haus zu erwerben. Das Gebäude soll abgerissen werden und das Zentrum ganz neu errichtet werden. Warum nutzen Sie nicht die Bestandsimmobilie und erweitern sie? Das Zentrum unterliegt den gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen, die für auch für stationäre Hospize und Tagespflegeeinrichtungen gelten. Brandschutz, Barrierefreiheit, Raumgrößen sind nur einige der Themen, die genau geregelt sind und eingehalten werden müssen. Hinzu kommen Fragen der Energieeffizienz des über 40 Jahre alten Gebäudes. Ein Architektenentwurf, der das Gebäude erhalten und erweitern würde, haben wir in unsere Entscheidung einfließen lassen. Letztlich kann in einem gezielt errichteten Neubau die begrenzte Fläche perfekt an unseren Zweck und Bedarf ausgerichtet werden. Die Ricam gGmbH wird das Erbbaurecht von der evangelischen Dreieinigkeitsgemeinde Berlin-Buckow erwerben. Wer finanziert den Kauf? Die Ricam Hospiz Stiftung wird als Gesellschafterin der Ricam gGmbH ihr Stiftungsvermögen einsetzen, um den Kauf zu finanzieren. Es handelt sich dabei um ein Investment in eine Anlage, die zugleich den Stiftungszweck fördert. Wir sind sehr froh, dass die Stiftung 2011 gegründet werden konnte, weil die Erblasserin Ingeborg Kerling dem Ricam Hospiz ein Vermächtnis hinterlassen hat, das nun auf ideale Weise ihren letzten Willen erfüllt. Über den Kaufpreis wird momentan noch verhandelt. Welche Kosten für den Aufbau des Zentrums müssen veranschlagt werden? Nach vorläufiger Erkenntnissen des Architekten werden inklusive Abriss des alten Gebäudes, Aufbau des neuen Zentrums und der Inneneinrichtung des Zentrums 2.5 Millionen Euro benötigt. Woher sollen diese Mittel kommen? Auf drei Säulen soll die Finanzierung stehen. Erstens werden wir andere Stiftungen und die bekannten Fördererorganisationen durch Anträge bitten, dieses innovative Projekt zu unterstützen. Zweitens rufen wir bereits heute, auch mit dieser Zeitung, dafür auf, für den Bau des Zentrums zu spenden, und drittens werden wir Fremdkapital in Form eines Bankdarlehens benötigen. Glauben Sie an die Unterstützung der Rudower und Neuköllner? Ohne die Unterstützung der Neuköllner, aber natürlich auch vieler Berliner_innen anderer Bezirke wäre das stationäre Ricam Hospiz nie eröffnet worden und hätte nicht 17 Jahre lang erfolgreich arbeiten können. Daher kommt mein Vertrauen. Auch damals haben wir Jahre vor Eröffnung des Hospizes begonnen, über unser Vorhaben zu sprechen. Wir konnten Menschen gewinnen, uns zu unterstützen, manche haben sogar mit ihrem Haus für das Darlehen, das wir damals brauchten und das lange schon zurückgezahlt ist, gebürgt. Die ersten Gespräche haben uns signalisiert, dass es eine große Offenheit in Neukölln gibt. Die Neuköllner sind hilfsbereit und pragamatisch, und sie wissen aus eigener Erfahrung, dass sie solch ein Projekt brauchen, mancher hat an unserem Infostand auf der Rudower Meile ganz klar gesagt: „Vielleicht brauche ich das selbst einmal…“.