Weihnachten im Ricam Hospiz
eine Weihnachtsgeschichte
»Heiligabend ist kein Datum, es ist ein Fest«, erzählt mir Dorothea, die Leiterin des Ricam-Hospizes im Berliner Stadtteil Neukölln. »Und manche Patienten feiern es früher als andere.« Ich hatte mich erkundigt, wie man in einem Hospiz, das ja für schwerkranke und sterbende Menschen da ist, den Advent und Weihnachten feiert. Denn eigentlich hatte Dorothea mir auf meine Frage mit diesem einen Satz schon alles Entscheidende gesagt: Im Hospiz feiert man Weihnachten nach den Vorgaben und Bedürfnissen der Patienten. In einem Fall wurde die Weihnachtsgans schon in den ersten Novembertagen serviert, da es sich abzeichnete, dass Herr Schneider nur noch kurz zu leben hatte.
Es war einfach nicht mehr darauf zu hoffen, dass man gemeinsam in die Adventszeit gehen kann. Er selbst hatte den Vorschlag gemacht, das Weihnachtsfest vorzuziehen. In seinem Zimmer stellte man einen kleinen Weihnachtsbaum auf und richtete einen wunderschönen Adventsteller für ihn und seine Gäste her. Er lud ein paar Freunde ein und ließ in der Hospizküche einen herrlichen Festschmaus zubereiten, dessen Duft das ganze Haus erfüllte. Herr Schneider war gerade einmal fünfzig Jahre alt und wollte sein Leben auskosten bis zur letzten Stunde. Und genau darauf sind die Helferinnen und Helfer im Hospiz eingestellt, sie setzen alles daran, solche Wünsche zu erfüllen. So war die Bitte um ein vorgezogenes Weihnachtsfest gar nichts Besonderes für sie. Man ist eingestellt auf ungewöhnliche Wünsche und hat Erfahrung darin, solchen Wünschen zu entsprechen. Und es bestätigte sich auch bei diesem Patienten eine häufige Beobachtung im Hospizalltag: Er wusste sehr genau um seinen Zustand. Es war tatsächlich an der Zeit, einen letzten Wunsch zu äußern. Zwei Wochen nach dieser ungewöhnlichen Weihnachtsfeier starb Herr Schneider.
Die durchschnittliche Verweildauer in diesem Hospiz ist eben gerade einmal 21 Tage. Das heißt, jemand, der am Beginn der Adventszeit ins Hospiz kommt, wird das Weihnachtsfest mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben. Doch das mit der Statistik ist ja so eine Sache. Für den Einzelnen lässt sich aus solchen Rechnungen wenig ableiten. Die Lebensuhr eines jeden Menschen folgt einem ganz eigenen Rhythmus. Und, so erzählte mir Dorothea, haben große Ereignisse ihre ganz eigene Strahlkraft. Auch wenn der Körper dem Ende sehr nahe ist, gibt es keinen Automatismus, der zum Ende führt. Gerade wenn man sich auf etwas sehr freut, kommen Kraftreserven zum Vorschein, auf die niemand mehr zu hoffen wagte. So wird es hier im Hospiz wohl auch in diesem Jahr sein: Es gibt also durchaus gute Gründe sich darauf zu freuen, dass die meisten Patienten das Christfest noch erleben werden und dass man im Kreis von vertrauten Menschen feiern wird, auch wenn alle darum wissen, dass es ein letztes Fest in dieser Runde sein wird.
Jörg Machel (Jahrgang 1952) begleitet als Gemeindepfarrer in Berlin-Kreuzberg Menschen in schönen und schwierigen Lebenssituationen. Theologie studierte Jörg Machel in Berlin und Leipzig. Ökumenische und spirituelle Anregungen bekam er während eines Vikariats in Indien. An der Europa-Universität Viadrina hat sich Jörg Machel zum Mediator ausbilden lassen, um in Konflikten professionell vermitteln zu können. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.